Donnerstag, 30. November 2017

Die Kirche versteht nichts von Wirtschaft...

Jesuiten waren schon immer modern.
...das war aber nicht immer so. Wenn Papst Franziskus oder manche Bischöfe über ökonomische Fragen sprechen, dann rollen die Experten mit den Augen. Gelegentlich hat man den Eindruck, als ob für den Papst alles, was mit Geld zu tun hat, per se moralisch verdächtig ist. Das kann selbst für Freunde des Papstes in der Kurie, die "um eine Optimierung der päpstlichen Haushalte zur Unterstützung der humanitären und pastoralen Aufgaben der Kirche bemüht sind, demotivierend sein", wie der Politikwissenschaftler Ralf Rotte in der neuen Ausgabe der Herder Korrespondenz schreibt.
Dabei haben Theologen aus Franziskus' eigenem Orden, den Jesuiten, im 16. und 17. Jahrhundert entscheidend zur Entwicklung des ökonomischen Denkens beigetragen. Darum ging es gestern in Rom bei einer Tagung des wirtschaftsliberalen Acton Institute in der Jesuitenuniversität Gregoriana.
Dies geschah nach der "Kommerziellen Revolution" des Spätmittelalters, wie Samuel Gregg, Forschungsdirektor des Instituts, erklärte. Damals wuchs die Bevölkerung an, die Landwirtschaft entwickelte sich, neue Produkte entstanden. Europa kam über die reine Subsistenzwirtschaft hinaus. Die Unternehmer erwirtschafteten Überschüsse und konnten investieren. Ein Handel mit Geld und Krediten entwickelte sich, es entstand erstmals so etwas wie ein internationaler Kapitalmarkt.
In der frühen Neuzeit bildeten sich dann neue Handelswege aus, neue wirtschaftliche Kontakte nach Asien, Afrika und natürlich in das gerade entdeckte Amerika. Die Händler und Bankiers hatten als gute Christen ein Bedürfnis nach Seelsorge. Sie hofften auf den Himmel und fürchteten die Hölle. Darum wollten sie wissen, welche ihrer wirtschaftlichen Handlungen moralisch legitim und welche verwerflich waren. Sie stellten Fragen im Beichtgespräch. Das brachte vor allem die Moraltheologen dazu, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Dabei wurden ganz nebenbei erstmals grundlegende ökonomische Theoreme formuliert, etwa die Quantitätstheorie des Geldes.
Zu den Jesuiten, die als Moraltheologen zu Vorläufern der modernen Wirtschaftswissenschaft wurden, gehörten etwa Luis de Molina, Juan de Mariana oder Leonhardus Lessius. Jesuiten waren von Anfang an Teil der portugiesischen und spanischen Expansion in andere Kontinente. Sie profitierten von den neuen Routen, kritisierten aber auch Praktiken, die sie für ungerecht hielten. Es war allerdings ein Dominikaner, Bartolomé de las Casas, der in seiner Beschäftigung mit dem Schicksal der amerikanischen Ureinwohner erstmals den Gedanken von "derechos humanos" - Menschenrechten - formulierte.
Der belgische Rechtshistoriker Wim Decock verwies auf die Methodologie der jesuitischen Moraltheologen. Sie waren nämlich überzeugt, dass es nötig sei, den Gegenstand erst genau zu kennen, bevor man ein moralisches Urteil über ihn abgibt. Leonhardus Lessius etwa begab sich nach Antwerpen, damals wie heute ein wichtiges Handelszentrum, um die Funktionsweise von Bankenwesen und Handel zu verstehen. Decock fasste das unter dem Motto "Knowing before Judging" zusammen. Aus diesem Grund wurden sie zu den ersten Wirtschaftsexperten ihrer Zeit. Heute, so Decock, mache es sich die Kirche in ihren moralischen Urteilen über wirtschaftliche Fragen oft zu leicht.
Ob die Botschaft ankommt?

Dienstag, 31. Oktober 2017

Happy Halloween

"Sacro Cuore del Suffragio"
Im Internet tobt der Kulturkampf. Auf meiner Facebook-Timeline finde ich durchgestrichene Kürbisse. Und auf katholisch.de heißt es: "Kirche warnt eindringlich vor Halloween". Zitiert wird der Sprecher der polnischen Bischofkonferenz. Dieser stellt fest, Halloween führe zu "Albträumen mit Gespenstern". Und überhaupt handle es sich um einen "heidnischen Brauch".
Dabei stimmt das gar nicht. Denn Halloween hat mit dem Glauben an die Armen Seelen zu tun, der im katholischen Europa noch vor gar nicht langer Zeit weit verbreitet war. Dieser Glaube hing mit der Lehre vom Fegefeuer zusammen: Die Seele wird nach dem Tod noch eine Zeit lang geläutert, bevor sie in die himmlische Seligkeit gelangt. Damit verband sich im Volksglauben die Überzeugung, die noch nicht ganz erlösten Seelen der Verstorbenen könnten den Lebenden erscheinen und sie erschrecken. An Allerheiligen und Allerseelen, wo die Kirche der Toten gedenkt, war natürlich der bevorzugte Termin, an dem sich auch die Armen Seelen bei den Hinterbliebenen meldeten. Noch vor 80 Jahren ließ man in Bayern an diesen Tagen für die Verstorbenen etwas zu Essen übrig und steckte ein Licht an, um ihnen die Orientierung zu erleichtern. Auswanderer aus Irland, aber auch aus anderen katholischen Gegenden Europas, nahmen solche Bräuche mit in die Neue Welt. Was im Land des Kapitalismus damit geschah, wissen wir.
Brandabdruck der Hand einer Armen Seele
Hier in Rom gibt es einen kuriosen Ort, an dem Zeugnisse des Arme-Seelen-Glaubens besichtigt werden können. Vor einigen Jahren hatte ich darüber in der Zeitung gelesen. Heute Nachmittag bin ich hingefahren. Am Tiberufer im Stadtteil Prati steht die Kirche "Sacro Cuore del Suffragio", die an sich schon sehenswert ist, weil sie in einem Stil gebaut ist, der sonst in Rom kaum vorkommt: der Neogotik. Geweiht wurde sie vor morgen genau 100 Jahren, am Allerheiligentag 1917. Ein französischer Priester, Victor Jouet, hatte Ende des 19. Jahrhunderts in Rom die "Vereinigung vom heiligsten Herzen Jesu zur Fürbitte für die armen Seelen im Fegefeuer" gegründet und begonnen, eine Kirche zu bauen. Während der Bauarbeiten brauch ein Feuer aus. Als der Brand gelöscht war, blieb auf einem Pfeiler etwas sichtbar, das Jouet als Umriss eines traurigen Gesichts deutete: die Manifestation einer Armen Seele! Daraufhin machte sich Jouet in Europa auf die Suche nach ähnlichen Phänomenen und stellte so eine Sammlung verschiedener Objekte zusammen, für die er neben der Kirche ein Fegefeuer-Museum einrichtete. Die Sammlung ist später stark reduziert worden, sodass es heute in einem Nebenraum der Sakristei nur noch eine kleine Vitrine zu sehen gibt. Darin: Gegenstände, auf denen die Armen Seelen mit ihren Fingern Brandabdrücke hinterlassen haben: Gebetbücher, Tischplatten, aber auch eine Nachtmütze.
Darunter ist ein deutschsprachiges Gebetbuch, passenderweise beim Messformular "für die Abgestorbenen" aufgeschlagen. Auf dem ausliegenden Informationsblatt heißt es dazu: "Ein Brandabdruck, den der verstorbene Josef Schitz hinterließ, indem er mit den 5 Fingern der rechten Hand das Gebetbuch seines Bruders Georg am 21. Dez. 1838 in Stralbe berührte. Der Verstorbene bat um Gebete für seine Seelenruhe und um Wiedergutmachung seiner Gleichgültigkeit im religiösen Leben."
In diesem Sinne: Happy Halloween.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Konzerte in Rom

Einmal im Jahr organsiert die Stiftung "Pro Musica e Arte Sacra" in Rom ein Musikfestival. Die Stiftung wurde vom Reiseunternehmer Hans-Albert Courtial gegründet und finanziert zahlreiche Restaurierungsprojekte in römischen Kirchen. Regelmäßig sind bei den herbstlichen Festivals auch die Wiener Philharmoniker zu Gast. Die Konzerte finden in römischen Kirchen statt.
In diesem Jahr gibt es Musik von Mozart, Haydn und Bruckner, aber auch von Komponisten der Reformation: Heinrich Schütz, Michael Praetorius und Samuel Scheidt. Das Festival beginnt am 4. November 2017 und geht bis zum 10. November 2017. Hier ist das vollständige Programm. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, man muss aber im Internet einen Platz reservieren, um teilnehmen zu können.

Montag, 16. Oktober 2017

Liturgie: Schluss mit den Erklärungen!

Gerade ist der Band "Liturgie und Glaube" erschienen, den ich zusammen mit dem Stephan Wahle beim Deutschen Liturgischen Institut herausgegeben habe. Darin geht es um die Frage: Der Gottesdienst der katholischen Kirche und die persönlichen Glaubensüberzeugungen - wie geht das eigentlich noch zusammen?
Die Liturgie ist vielfach der einzige Ort, an dem Menschen heute mit dem Christentum und seiner Lehre in Berührung kommen. Das wissen auch viele Geistliche - und nutzen deshalb bei Taufen, Hochzeiten, Firmungen und auch im Sonntagsgottesdienst jede Gelegenheit, das, was gerade geschieht, zu erklären und plausibel zu machen. Der Liturgiewissenschaft und Augustinerbruder Christian Rentsch schreibt dazu in seinem Beitrag für unseren Band:
"Die Liturgie selbst hat eine persuasive Strategie, die freilich völlig anders gelagert ist als die der Plausibilisierung. Sie will den Glauben der Gläubigen stärken, indem sie sie den Glauben praktizieren lässt. Das primäre Mittel der Integration der Gemeinde in die Liturgie und ihre Ordnung ist hier nicht die argumentative Rede zur Gemeinde, sondern der Vollzug der Liturgie durch die Gemeinde selbst."
Ich glaube, Christian Rentsch hat recht. Nur scheint das völlig der Intuition der meisten Geistlichen entgegenzustehen. Man traut dem Ritual einfach nicht. Stattdessen baut man Erklärungen ein, versucht sich oft auch an Anpassungen und Vereinfachungen, die aber meist das Gegenteil von dem erreichen, was sie beabsichtigen. Der Religionswissenschaftler Johann Evangelist Hafner hat mir in einem Interview für "Gottesdienst" einmal gesagt:
"Rituale wollen gerade nicht erklärt werden, sondern Rituale unterliegen, religionswissenschaftlich gesehen, einem 'Latenzschutz'. Das heißt: Etwas gilt gerade deshalb, weil es nicht erklärt wird. Das ist der Fall bei wichtigen Gesten, die wir in ganz basalen Zusammenhängen verwenden, etwa in der Liebe. Wenn wir jemanden mögen, dann ist es geradezu kontraintentional, zu sagen: 'Liebst du mich auch?'. Wer das zu oft macht, der erreicht das Gegenteil, nämlich dass der Partner argwöhnisch wird. Die Liebe vollzieht sich vielmehr, wenn man Vertrautheit lebt, nicht indem man sie ständig thematisiert."
Das Buch geht auf die Trierer Sommerakademie 2016 zurück und enthält Beiträge von Michael N. Ebertz, Andreas Bieringer, Franz Karl Praßl und vielen weiteren Autoren. Man kann es beim Deutschen Liturgischen Institut bestellen.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Zusammenbruch des Christentums?

Heute Abend trifft sich Prominenz aus Politik, Kirche und Medien zum Sankt Michaelsempfang in der katholischen Akademie in Berlin. Kardinal Marx nahm das zur Gelegenheit, die Bundespressekonferenz zu besuchen. Die Redaktion der Herder Korrespondenz befindet sich im selben Gebäude und wir diskutieren gerade über die Themen der nächsten Ausgaben. Die perfekte Gelegenheit also, mal hinunterzugehen und zu hören, was der DBK-Vorsitzende zu sagen hat.
Angesprochen auf die Kirchenstatistiken meinte Marx, man dürfe nicht die Maßstäbe der Vergangenheit an die Gegenwart anlegen. In einer offenen Gesellschaft könne die Kirche gar nicht den selben Stellenwert haben, wie sie ihn etwa in den Fünfzigerjahren gehabt hätte. Dann fiel die Spitzenaussage:
"Ich sehe keinerlei Anzeichen für einen Zusammenbruch des Christentums in unserem Land." 
In Bayern, so fuhr der Kardinal fort, gingen 100 Prozent der Getauften auch zur Erstkommunion; und 80 Prozent empfingen das Firmsakrament.

Dienstag, 19. September 2017

Ich komme in die Hölle

Pater Hans Zollner und Daniel Pittet
"Er ist wie ein Bruder für mich", sagte Daniel Pittet am Samstag hier in Rom über seinen Peiniger, der ihn als Kind hunderte Male missbraucht hat - genauso wie viele andere Kinder. Pittet kommt aus der französischen Schweiz und hat ein Buch über seiner Erfahrungen geschrieben. Es heißt "Pater, ich vergebe Euch. Missbraucht, aber nicht zerbrochen" und ist auf Deutsch bei Herder erschienen. Pater Hans Zollner vom Kinderschutzzentrum der Gregoriana hat es in der Residenz der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl vorgestellt. "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", heißt es im Vaterunser. Kann man das wirklich von den Betroffenen verlangen? Daniel Pittet hat es getan. Er hat dem Täter vergeben.
Im Anschluss an die Präsentation, in der Zollner eine "Theologie im Angesicht von Missbrauch, eine Theologie der Kindheit" forderte, erzählte Pittet von einer Begegnung mit dem Täter, dem Ex-Kapuzinerpater Joel Allaz. Dieser habe ihm gesagt: "Daniel, ich gehe in die Hölle". Das habe er, Pittet, Papst Franziskus berichtet. Dieser habe darauf geantwortet, Allaz müsse zu einem Priester gehen, seinen Sünden beichten und bereuen, dann könne er gerettet werden. Das habe Pittet bei seiner nächsten Begegnung Allaz gesagt. "Das kann ich nicht glauben", habe dieser geantwortet. Er bete jeden Tag für seinen Peiniger, sagte Pittet. "Ich hoffe, dass wir zusammen in den Himmel kommen."

Mittwoch, 13. September 2017

Deine Sünden sind dir vergeben

Hier noch ein kleiner Eindruck aus den Ferien: In einer kleinen lutherischen Dorfkirche in Schleswig-Holstein ist ein prominenter Stelle ein Möbel aufgestellt. Man fragt sich, was für ein seltsames Gehäuse mit Gardinen denn da im Chorraum steht, tritt näher, und liest die Inschrift: "ICH BEKENNE DIR HERR MEINE SÜNDE UND VERHELE MEINE MISSETHAT NICHT. PSALM 32 V. 5. GEHE HIN MEIN SOHN ODER TOCHTER. DEINE SÜNDE SIND DIR VERGEBEN. MATH 9 V 2."
Ach so. Ein Beichtstuhl. Links und rechts vom Altar mit dem schönen, barock eingefassten Retabel, auf dem zahlreiche Heilige zu sehen sind, stehen dann auch noch Kniebänke für den Empfang von Kelch und Hostie.
Das historische Kirchengebäude veranschaulich eine bemerkenswerte Tatsache. Luther war zwar überzeugt, dass Gottes Vergebung nicht vom Amt des Geistlichen abhängig war, er schätzte und empfahl aber trotzdem die Einzelbeichte, weil sie dem Sünder die Erfahrung der Befreiung und der Freude am Evangelium spüren lässt. Luther war außerdem, auch wenn er die Transsubstantiationslehre ablehnte, Vertreter eines "sakramentalen Realismus" - anders als andere Reformatoren. Ehrfurchtsgesten vor der Eucharistie waren für ihn selbstverständlich. So empfahl er, die Kommunion kniend und in den Mund zu empfangen.
Die verpflichtende Einzelbeichte vor dem Empfang des Abendmahls kam in der lutherischen Kirche erst im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam außer Gebrauch. Der Kirchenhistoriker Jörg Lauster schreibt: "Das 18. Jahrhundert zog auf dem Feld der Liturgie größere Umwälzungen nach sich als die Reformation."
Was bedeutet das für die Ökumene?

Freitag, 4. August 2017

Christoph Schlingensief und Richard Wagners Ersatzliturgie

Vor einiger Zeit hielt ich in Bayreuth einen Vortrag über Richard Wagner, Christoph Schlingensief und die katholische Liturgie. Meine Einlassungen fußten auf einer allgemeinen Sympathie für das Theater und die Oper, gelegentlichen Besuchen der Berliner Volksbühne in den Jahren nach der Jahrtausendwende und einem auch beruflichen Interesse am christlichen Gottesdienst (immerhin war ich einige Jahre Angestellter des Deutschen Liturgischen Institutes in Trier). Die Tagung „Art of Wagnis. Christoph Schlingensief’s Crossing of Wagner and Africa” fand im "Iwalewahaus" statt, dem Afrikazentrum der Universität Bayreuth. Unter den Musik- und Theaterwissenschaftlern, Ethnologen und Kulturwissenschaftlern, die bei der Tagung sprachen, war ich der einzige Refent mit theologischem Hintergrund. Eine Dokumentation der Tagung ist jetzt im "Verlag für moderne Kunst" erschienen (248 S., 35,00 €).
Ein wichtiges Beispiel für das Verhältnis von Wagner und Schlingensief zur Liturgie ist der "Parsifal", den Schlingensief 2004 in Bayreuth inszeniert. Im "Parsifal" nutzt Richard die traditionelle liturgische Symbolik und verarbeitet die mittelalterliche Eucharistiefrömmigkeit, die Transsubstantiationslehre, den katholischen Opferbegriff. Er tut dies, um sein "Gesamtkunstwerk" mit einem eigenen religiösen Anspruch zu erschaffen. Dieses Gesamtkunstwerk erhebt laut Wagners eigenen Worten aus seiner Schrift "Kunst und Religion" von 1880 den Anspruch, die Funktion der traditionellen Religion in das säkulare Zeitalter herüberzuretten. Doch gibt es in Wagners Ersatzliturgie keinen Gott; Erlösung heißt hier ausschließlich Selbst-Erlösung. Mit diesem Anspruch Wagners setzt Schlingensief sich in seiner Inszenierung des "Parsifal" und in anderen Werken auseinander. Die Versatzstücke katholischer Liturgie und Frömmigkeit im "Parsifal" kombiniert Schlingensief in seiner Inszenierung mit den Symbolen und Heiligtümern zahlreicher Kulturen und den Elementen seiner Privatmythologie. Was das Ganze mit Afrika zu tun hat, lässt sich in den Beiträgen des Bandes nachlesen, den Fabian Lehmann, Nadine Siegert und Ulf Vierke herausgegeben haben.


Mittwoch, 2. August 2017

Fundstücke von der Documenta: Fifty Shades of Grey, Marienhymnen, das Weltgericht und politisch korrekter Craft-Beer-Quatsch

Am 19. Mai 1933 verbrannten die Nazis auf dem Kasseler Friedrichsplatz 2000 Bücher. Für die 14. Documenta hat die argentinische Künstlerin Marta Minujín dort einen "Parthenon der verbotenen Bücher" errichtet. Das monumentale, aber gleichzeitig ephemere Werk verbindet die Kasseler Ausstellung mit Athen, dem zweiten Standort der Documenta in diesem Jahr. An der Gerüstkonstruktion sind mit Plastikfolie zehntausende Bücher angebracht, die irgendwo auf der Welt verboten sind oder einmal verboten waren. Dazu gehören, wie ich feststellen konnte, offenbar auch der Bestseller "Fifty Shades of Grey" und "Grimms Märchen".
Nicht zum antiken, sondern zum christlichen Griechenland verläuft die Verbindung in der Arbeit "Byzantion" von Romuald Karmakar. In einem abgedunkelten Raum ist ein Video zu sehen, in dem orthodoxe Kleriker den Marienhymnus "Agni Parthene" singen. Auffällig, mit welch offenkundiger Andacht die zahlenreichen Liebhaber zeitgenössischer Kunst den fremdartigen Klängen des griechischen Kirchengesangs lauschen.
Was hat Martin Luther mit Paul Klee und Walter Benjamin zu tun? Eine Serie von Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin R.H. Quaytman widmet sich dem Motiv des "Angelus Novus". Im Jahr 1920 hatte Klee das Bild eines vogelartigen Geschöpfes mit einem übergroßen Kopf, weit aufgerissenen Augen und mehr wie vor Schreck als zum Flug erhobenen Schwingen gemalt. Das Bild fand sich seit 1921 im Besitz von Walter Benjamin, der in seinen Texten mehrfach auf es bezugnahm. In seinem Essay "Über den Begriff der Geschichte" wird diese Gestalt schließlich zum Sinnbild für den "Engel der Geschichte". R.H. Quaytman fand im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit Klees Arbeit heraus, dass es auf einen älteren Druck eines bekannten Martin-Luther-Porträts von Cranach aufgebracht wurde. Die in Kassel gezeigten Arbeiten legen diesen Hintergrund offen, überlassen eine Deutung dieser Tatsache aber dem Betrachter. Benjamin schreibt in seinem geschichtsphilosophischen Aufsatz über die Engel-Figur: "Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
Auf dem Kasseler Königsplatz hat der aus Nigeria stammende und in den USA lebenden Künstler Olu Oguibe einen sechzehn Meter hohen Obelisken aufgestellt. Auf der Basis findet sich die Inschrift "Ich war Fremdling und ihr habt mich beherbergt" (Matthäus 25,35) in deutscher, englischer, türkischer und arabischer Sprache. Liest man das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium in seinem Zusammenhang, erscheint der Obelisk in Kassel als apokalyptisches Monument. Es taucht nämlich in der Rede Jesu vom Weltgericht (Matthäus 25,31-45) auf, die so beginnt: "Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken." Der Messias kommt, um den Trümmerhaufen der Geschichte zu richten, und wer sich nicht um Hungrige, Obdachlose, Kranke und Fremde gekümmert hat, der erhält die "ewige Strafe" (Mt 25,45). Ob der Künstler das so gemeint hat? Oguibe ist nach eigenem Bekunden kein Christ.
Auch das gibt es bei der Documenta: Ein "Craft Beer inspiriert von der Erfahrung afrikanischer Migrant_innen in Europa". Die Linke hat kein Problem damit, Konsumismus und Kritik zu kombinieren. Da hilft nur Adorno: "Ich glaube allerdings, dass Versuche, politischen Protest mit der (...) Unterhaltungsmusik zusammenzubringen, deshalb zum Scheitern verurteilt sind, weil die ganze Sphäre der Unterhaltungsmusik, auch wo sie irgendwie modernistisch sich aufputzt, so mit dem Warencharakter, mit dem Amusement, mit dem Schielen nach dem Konsum verbunden ist, dass Versuche, dem eine veränderte Funktion zu geben, ganz äußerlich bleiben." Man muss bloß den Begriff "Unterhaltungsmusik" durch "Bier" ersetzen.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Was hat Benedikt XVI. mit der Kirchenstatistik 2016 zu tun?

"Keine 'Generation Benedikt'" - so fasst Daniel Deckers in der FAZ die gerade veröffentlichte kirchliche Statistik der Deutschen Bischofskonferenz zusammen. Will heißen: Der kleine Aufschwung in den ersten Jahren des Pontifikats Benedikts XVI., als die Zahl der Kirchenaustritte sank und die Zahl der Priesteramtskandidaten anstieg, war nicht von Dauer. Der Frühling war schnell wieder vorbei und 2010, im Jahr des Missbrauchsskandals, erreichten die Austrittszahlen wieder Rekordhöhen.
Aber warum stellt ein Artikel zur kirchlichen Statistik im Jahr 2016 eigentlich eine Verbindung zu Papst Benedikt her? Die Überschrift könnte doch auch lauten: "Kein 'Franziskus-Effekt'". Tatsache ist, dass die überaus große Beliebtheit von Papst Franziskus, der in der Gesamtbevölkerung und bei den Katholiken deutlich höhere Zustimmungsraten als sein Vorgänger bekommt, offenbar keine Auswirkungen auf die Kirchenstatistik hat. Kurz: Der Papst ist zwar beliebt, das ändert aber nichts daran, dass viele Menschen der Kirche den Rücken zuwenden.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Der Bischof ist verreist

Nächste Woche erscheint die neue Herder Korrespondenz. Darin gibt es einen Bericht von mir zu den kirchlichen Reaktionen auf die Einführung der "Ehe für alle". Mir fiel auf, dass eine ganze Reihe von Diözesanbischöfen sich überhaupt nicht zur Sache geäußert haben. Fragt man bei den Ordinariaten nach, wird entweder ausweichend geantwortet oder auf die Stellungnahme von Erzbischof Heiner Koch im Namen der Deutschen Bischofskonferenz verwiesen. Manchmal erhält man auch die drollige Auskunft, der Bischof sei für längere Zeit verreist. Welche Oberhirten es sind, die es vorziehen, zu schweigen, und was für Gründe sie dafür haben könnten, lässt sich in dem Artikel nachlesen.

Update
Inzwischen ist der Artikel zu den Reaktionen auf die "Ehe für alle" in der Herder Korrespondenz erschienen. Für alle, die noch nicht Abonnenten sind, aber den Text sofort lesen wollen: Man kann ein kostenloses Probeabo abschließen und hat dann sofort Zugang auf das gesamte Online-Angebot.

Sonntag, 9. Juli 2017

Kirche nicht unbedingt "bei den Menschen"

Papst Franziskus feiert die Messe in einer Werkhalle
Vor einigen Tagen, am 7. Juli, jährte sich zum zehnten Mal die Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens "Summorum Pontificum", mit dem Papst Benedikt XVI. die Feier des katholischen Gottesdienstes nach den älteren liturgischen Büchern ermöglichte - also so, wie er vor den Reformen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert wurde. Seitdem gilt die alte Liturgie als "außerordentliche Form" des römischen Ritus. In der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" schreibt meine ehemalige Kollegin Alina Oehler (sie hat bei der "Herder Korrespondenz" ein Volontariat gemacht) über ihre Sympathie für den traditionellen Ritus. Sie berichtet, dass sie dort das "Bild einer himmlischen Liturgie" erlebe und stellt fest: "Viele junge Menschen fühlen sich von der Schönheit, der Stille und der Ernsthaftigkeit der alten Messe angezogen." Viele von ihnen würden aber nur heimlich die alte Liturgie besuchen.
Wenn man liest, was aus Anlass von 10 Jahren "Summorum Pontificum" auf dem Internetportal katholisch.de erschienen ist, versteht man auch, warum. Dort spricht der Liturgiewissenschaftler Martin Klöckener von "deutlichen Unvereinbarkeiten" zwischen der traditionellen und der modernen Form des Ritus und sieht  in der Zulassung der alten Form ein "Zeichen der Spaltung". Außerdem unterstellt Klöckener den Freunden der Tradition eine Nähe zu "politischen Rechtsaußenkreisen".
Bevor man als Spalter mit Hang zum Rechtsextremismus gilt, behält man tatsächlich lieber für sich, wo man gerne die Liturgie mitfeiert.
Papst Franziskus hat übrigens am 7. Juli auch die Messe zelebriert - aber nicht in einer Kirche. Für eine Feier mit den Angehörigen der vatikanischen Wirtschaftsbetriebe sucht der Papst eine Werkhalle aus. Franziskus, so berichtete Radio Vatikan, feierte die Messe am "Ort des Alltags" der Mitarbeiter.
Kann es sein, dass genau hier das Problem liegt? Ist es nicht eine solche Praxis, die dazu führt, dass manch einer sich in der "Schönheit, Stille und Ernsthaftigkeit" der alten Messe mit seinen religiösen Bedürfnissen besser aufgehoben fühlt? Warum um alles in der Welt sollte ein Arbeiter dort den Gottesdienst feiern wollen, wo er schon den ganzen Tag an der Drehbank steht? Wer glaubt allen Ernstes, dass sich ein Mitarbeiter der vatikanischen Wirtschaftsbetriebe nicht freuen würde, die Messe zusammen mit dem Papst etwa in der herrlichen Capella Sistina zu feiern? Das Leben ist so oft von Anstrengung, Sorgen und Ärger bestimmt. Gerade hier in Rom erlebt man im Alltag auch viel Lärm und Schmutz. Da sollte der Gottesdienst unbedingt so schön und heilig wie möglich sein, um uns zu erheben und uns näher zu Gott zu führen. Er sollte darum auf keinen Fall an einem "Ort des Alltags" stattfinden. Was soll dieser Unsinn?
In den Sechzigerjahren wurden in vielen deutschen Industriestädten Kirchen gebaut, die einer Fabrikhalle nachempfunden waren. Sie waren mit Absicht nicht sakral und schön, sondern profan und alltäglich gestaltet. Die Kirche wollte so näher "bei den Menschen" sein - in Wirklichkeit hat sie sie damit von sich entfremdet.

Dienstag, 4. Juli 2017

Öffnung durch Zwang

Gebäude der Glaubenskongregation in Rom
Unterdessen wissen wir über das Schicksal von Kardinal Müller Bescheid. Der 69jährige geht in den Ruhestand. Im folgt die langjährige Nummer Zwei der Glaubenskongregation nach, der 73jährige Jesuit Luis Francisco Ladaria Ferrer. Menschen, die ihn seit langem kennen, beschreiben Ladaria als beliebten Theologieprofessor, bescheiden und fromm, und vor allem: loyal. Ladaria wurde 2008 von Benedikt XVI. ins Amt gebracht. Ein theologischer Paradigmenwechsel ist von ihm nicht zu erwarten. Augenscheinlich ging es eher darum, Kardinal Müller loszuwerden.
In einer Audienz mit dem Papst am Mittag des 30. Juli 2017, einem Freitag, erfuhr Müller, dass er gerade seinen letzten Arbeitstag hinter sich gehabt hatte. Papst Franziskus hatte den Kardinal bis zuletzt darüber im Unklaren gelassen, ob er ihm eine weitere fünfjährige Amtszeit geben wollte, oder nicht. Offensichtlich sprach Müller im Anschluss an die Audienz mit Journalisten, denn die Nachricht machte bereit am Freitagnachmittag die Runde. Darum sah der Vatikanische Pressedienst sich wohl gezwungen, die Entscheidung des Papstes nicht erst mit dem Bulletin am Montag, sondern bereits am Samstag offiziell bekanntzugeben.
Am Samstag und Sonntag war Müller dann zu einem Klassentreffen in Mainz. Der dortigen Allgemeinen Zeitung sagte er, es habe "keine Differenzen" zwischen ihm und Franziskus gegeben. Die Entscheidung habe ihn "überrascht", sie mache ihm aber wenig aus. Die Zeitung zitiert den Kardinal mit den Worten: "Jeder muss mal aufhören".
Laut dem Kardinal gibt es keinen Konflikt zwischen ihm und dem Papst. Für viele Kommentatoren ist der Konflikt jedoch ganz augenscheinlich vorhanden. Bei der Frage nach der Möglichkeit des Kommunionempfangs für zivil wiederverheiratete Geschiedene war es bei den beiden römischen Familiensynoden zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Teilnehmern gekommen. Papst Franziskus versteckte die vieldiskutierte Angelegenheit schließlich im dreihunderseitigen Abschlussdokument "Amoris Laetitia" in einer Fußnote, die zudem wenig eindeutig war. Von vielen wurde das so interpretiert: Der Papst wollte mehr - mehr war aber nicht drin, wenn er keine Spaltung unter den Bischöfen riskieren wollte. So ließ er die Sache absichtlich im Unklaren. In der FAZ kommentierte Christian Geyer:
"Man hätte einfach nur gerne gewusst, was gelten soll. Um dann selbst entscheiden zu können, ob und unter welchen Bedingungen man sich daran halten möchte oder nicht."
Kurze Zeit später sagte Kardinal Müller bei einem Vortrag im spanischen Oviedo, es gebe keinen Anlass zu der Annahme, "Amoris laetitia" erlaube Geschiedenen, die sich in einer neuen Ehe befinden (und sich nicht vornehmen, in Zukunft abstinent zu leben) den Eucharistieempfang. Hätte Franziskus eine solche Entscheidung treffen wollen, so Müller, hätte er dies "mit Klarheit" getan und entsprechende Gründe dargelegt.
Das Resultat der von Franziskus so gewollten (und von Müller eben nicht gewollten) Uneindeutigkeit ist, dass es nun in unterschiedlichen Ortskirchen gegensätzliche Interpretationen des Dokuments gibt. Das Internetportal katholisch.de titelte am 15.1.2017 "Malta: Wiederverheiratete können zur Kommunion" und am 8.6.2017 "Keine Kommunion für Wiederverheiratete in Polen". Vier Kardinäle wollten den Papst zwingen, diese Uneindeutigkeit zu beseitigen, indem sie ihm entsprechende Fragen vorlegten, bekamen aber vom Papst keine Antwort.
Die Situation ist offensichtlich so angespannt, dass Franziskus nun bereits zum zweiten Mal einer direkten Konfrontation aus dem Wege gegangen ist - darauf hat gerade Guido Horst in der Tagespost aufmerksam gemacht. Zwei Tage vor Müllers Entlassung fand in Rom ein Konsistorium, also eine Vollversammlung der Kardinäle statt. Anlass war die Aufnahme von fünf neuen Bischöfen in das Kardinalskollegium. Normalerweise gibt es beim Konsistorium auch einen nichtöffentlichen Teil, der dem Austausch zwischen dem Papst und seinen engsten Beratern dient. Doch dieses Gespräch fiel aus - wie schon beim letzten Konsistorium im vergangenen November. Der Papst will sich offensichtlich nicht in die Situation bringen, sich vor dem versammelten Kardinalskollegium unangenehme Fragen stellen zu lassen.
Schon oft hat der Papst von "Synodalität" gesprochen. Trotzdem gilt, was ich im letzten Heft der "Herder Korrespondenz" geschrieben habe:
"Als es bei den beiden römischen Familiensynoden 2014 und 2015 zu unerwarteten Widerständen vonseiten einiger Bischöfe und Kardinäle gegen die Agenda von Papst Franziskus kam, sagte er in seiner Ansprache zum fünfzigjährigen Bestehen der Bischofssynode, der 'synodale Weg' gipfele 'im Hören auf den Bischof von Rom, der gerufen ist, als Hirte und Lehrer aller Christen‘ zu sprechen'. (...) Der Papst kann sich beraten lassen, er kann auf Gläubige und Bischöfe hören. Aber am Ende haben sie auf ihn zu hören."
Wenn es darauf ankommt, wird der Papst durchaus autoritär. In der "Zeit" hat der Theologe Gregor Maria Hoff gerade sinngemäß geschrieben, dass Papst Franziskus leider keine andere Möglichkeit habe, als die gewünschte "Öffnung" in der Kirche mit Macht durchzusetzen. Das Vorgehen des Papstes in der Causa Müller habe, "etwas Ambivalentes", so Hoff,
"weil Franziskus seine Vorstellungen in der Kurie nur voranbringen kann, wenn er die Macht ausspielt, die ihm die Kardinäle in die Hände gelegt haben. Aber es markiert auch kirchlich Wegweisendes, wenn der Papst nicht auf die selbstverständliche Autorität seines Amtes setzen kann: Der erforderliche Gebrauch seiner Macht relativiert es. Die Paradoxie einer Politik der kirchlichen Öffnung mit den Mitteln der geschlossenen Kirchengesellschaft führt das Papstamt an seine Grenzen."
Liebe Leser, finden Sie das logisch?

Freitag, 23. Juni 2017

Gerhard Ludwig Müller: Fünf Jahre Präfekt

Kardinal Müller und die Presse
In einer Woche kann Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein Jubiläum feiern. Denn am 2. Juli 2017 ist es genau fünf Jahre her, dass Papst Benedikt XVI. ihn zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannte. Ob der Kardinal aber tatsächlich in Feierlaune sein wird? Denn seine Zeit als Präfekt könnte in diesen Tagen auch zu Ende gehen.
Papst Johannes Paul II. hat 1988 mit der Konstitution "Pastor Bonus" die Funktion der Römischen Kurie geregelt. In diesem Dokument heißt es:
"Der Präfekt oder der Präsident, die Mitglieder des Dikasteriums, der Sekretär und die übrigen höheren Beamten sowie die Konsultoren werden vom Papst für einen Zeitraum von fünf Jahren ernannt."
Ob also in der Kongregation tatsächlich die Korken knallen, hängt wohl davon ab, ob sich Papst Franziskus entscheidet, die Amtszeit von Kardinal Müller um weitere fünf Jahre zu verlängern, oder nicht.
Das Verhältnis zwischen Papst und Präfekt scheint nicht ganz einfach zu sein. 2016 verlor Kardinal Müller drei Mitarbeiter seiner Kongregation. Sie wurden laut Medienberichten vom Papst ohne Angabe von Gründen in ihre Heimatdiözesen zurückgeschickt. In einem Interview kritisierte Müller diesen Schritt öffentlich: Er sprach in diesem Zusammenhang von "altem höfischen Gebaren" und wünschte sich eine "bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl".
Und bei einer Buchvorstellung beklagte der Kardinal kürzlich eine zu starke Fokussierung der Öffentlichkeit auf den Papst:
"Wir kehren zu den Diskussionen des Ersten Vatikanischen Konzils zurück, mit der Idee, dass fast alle Worte des Papstes unfehlbar seien. (...) Aber der Papst ist nicht der Messias, sondern der Stellvertreter Jesu Christi, der Diener Jesu Christi".
Bislang neigte Papst Franziskus in seiner Personalpolitik allerdings eher dazu, nicht die Köpfe auszutauschen, sondern Kurienposten in der zweiten und dritten Reihe neu zu besetzen. Kardinal Müller wird im Dezember 70 Jahre alt. Im Alter von 75 Jahren "sind die leitenden Kardinäle gebeten, dem Papst ihren Amtsverzicht anzubieten", wie es in "Pastor Bonus" heißt. Müller könnte also noch eine volle Amtszeit von fünf Jahren Präfekt der Glaubenskongregation bleiben.

Samstag, 17. Juni 2017

Eschatologie bei Ratzinger

Pater Lombardi und die letzten Dinge
Es ist ruhig geworden um Joseph Ratzinger - dieser Eindruck kann sich einstellen, wenn man in die deutschsprachigen Medien blickt. Selbst das Interviewbuch "Letzte Gespräche" hat keine besonders hohen Wellen mehr geschlagen. Auch die akademische Theologie scheint hierzulande nicht mehr so stark um die von Ratzinger gesetzten Themen zu kreisen, sondern sich anderen Fragen zuzuwenden. Einige Theologen greifen etwa begeistert die pastoralen Stichworte von Papst Franziskus auf und stilisieren sie zum großen Paradigmenwechsel hoch. Dreht sich alles nur noch um "Peripherien" und "Zärtlichkeit"?
Doch dass das Denken Ratzingers noch weiterwirkt und vor allem international breit rezipiert wird, zeigt die Arbeit der "Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger - Benedetto XVI.". Präsident der Stiftung ist der ehemalige Vatikansprecher Federico Lombardi. Jedes Jahr veranstaltet die Stiftung mindestens ein internationales Symposium. In den letzten Jahren organisierte die Stiftung unter anderem Konferenzen in Bydgoszcz (Polen), Rio de Janeiro (Brasilien), Medellín (Kolumbien) und Madrid (Spanien). Der Tagungsband der letzten Konferenz, die im November 2016 in Rom stattfand und sich der Eschatologie im Denken Ratzingers widmete, wurde nun vor einigen Tagen im Campo Santo Teutonico vorgestellt. Das Thema spielt in der Theologie Ratzingers eine wichtige Rolle und mit der Enzyklika "Spe salvi" über die Hoffnung hat es auch sein Lehramt geprägt.
Im Hintergrund der Fondazione arbeitet mit unermüdlichem Fleiß ihr Sekretär, der Mailänder Historiker Pietro Luca Azzaro. Er ist für die italienische Ratzinger-Gesamtausgabe verantwortlich und hat die meisten Ratzinger-Werke selbst ins Italienische übersetzt. Auch für den neuen Band war er als Herausgeber mitverantwortlich.
Bei der nächsten Konferenz geht es um Ökologie - ein Thema, bei dem sich, sicher Verbindungslinien zwischen der Theologie Ratzingers und den Aussagen von Papst Franziskus ziehen lassen.

Freitag, 2. Juni 2017

It rings a bell

Im Dezember 2015 einigten sich die Staaten der Welt bei der Pariser UN-Klimakonferenz auf das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. Das Abkommen entstand unter maßgeblicher Beteiligung der Vereinigten Staaten. Nur zwei Länder unterschrieben nicht: Syrien und Nicaragua. Nun hat US-Präsident Donald Trump entschieden, aus dem Abkommen auszusteigen.
Ich habe kurz nach der Pariser Konferenz ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Ottmar Edenhofer geführt. Der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung war in den Achtziger- und Neunzigerjahre Mitglied des Jesuitenordens - und seine theologische Prägung ist ihm immer noch anzumerken. Er erklärte mir damals, warum es so schwer für die Menschen ist, die Realität des Klimawandels zu akzeptieren:
"Der moderne Mensch hat, wie Freud sagt, drei narzisstische Kränkungen zu verkraften. Durch Kopernikus hat er lernen müssen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Darwin hat ihm vor Augen geführt, dass er Teil der biologischen Evolution ist, in der der Stärkste überlebt, der Mensch aber nicht mehr das Ziel der Evolution ist. Und Freud hat ihm nach seinem eigenen Selbstverständnis klargemacht, dass er durch unbewusste Impulse gesteuert ist. Diese schränken seine Freiheit empfindlich ein, weil er auf das Unbewusste keinen unmittelbaren Zugriff hat. Und genau dieser Mensch, der diese narzisstischen Kränkungen ertragen musste, sieht sich in der Moderne nun mit einem Machtzuwachs konfrontiert, der in der Kulturgeschichte beispiellos ist."
Auf die Frage, worin dieser beispiellose Machtzuwachs besteht, antwortete er:
"Die Atombombe hat uns eine erste Ahnung vermittelt, wir könnten uns selber auslöschen. Und nun greifen wir in den bio-geo-chemischen Kreislauf des Planeten mit einer Intensität und Geschwindigkeit ein, die ihn auf irreversible Weise verändern und das Habitat des Menschen zerstören können. Aber gerade narzisstisch gekränkte Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Macht überhaupt wahrzunehmen. Kollektiv befinden wir uns in der Situation von Halbstarken. Jetzt müssen wir lernen, diesem Machtzuwachs wahrzunehmen und damit umzugehen."
Halbstarke, die lernen müssen, mit ihrem Machtzuwachs umzugehen... It rings a bell. für Edenhofer ist es nun jedenfalls entscheidend, dem Fortschritt nicht dem Rücken zu kehren, aber ihm eine neue Richtung zu geben:
"Guardini beschreibt, wie die neuzeitliche Wissenschaft dem Menschen neue Möglichkeiten der Macht zugespielt hat, der moderne Mensch aber diesen Machtzuwachs verdrängt. Verleugnet der Mensch seinen Machtzuwachs, dann ist er dazu verdammt, die technische Entwicklung nicht gestalten zu können, sondern als "naturwüchsig" zu erleiden. Es geht aber gerade angesichts des Klimawandels darum, dass wir dem technischen Fortschritt eine neue Richtung geben, nicht darum, dass wir uns von der Technik verabschieden. Entscheidungen über die Fragen der Energienutzung, des Managements des Kohlenstoffkreislaufs oder der Gentechnik sind eben nicht nur technische, es sind immer auch ethische Fragen. Technischer Fortschritt ist nur dann ein Fortschritt, wenn daraus ein Zuwachs an Freiheit und Gerechtigkeit möglich wird."
Mit dem Halbstarken im Weißen Haus wird das nicht möglich sein.

Montag, 29. Mai 2017

Die Apokalypse, Heavy Metal und die wilden Tiere im christlichen Zoo

Klaus Berger beim Vortrag
Der Vortrag, den Klaus Berger von einiger Zeit in Rom über die Apokalypse gehalten hat, fand großen Anklang. Viele Studenten und Professoren römischer Universitäten hatten sich eingefunden, dazu eine Reihe von kirchlichen und diplomatischen Würdenträger. Auch Verleger Manuel Herder war nach Rom gekommen. Am Vormittag hatten Berger und Herder Papst Emeritus Benedikt XVI. besucht und ihm Bergers zweibändigen Apokalypsekommentar überreicht. Nachmittags sprach Berger dann im Pontificium Institutum Biblicum, dem päpstlichen Bibelinstitut, wo Theologen aus aller Welt ein bibelwissenschaftliches Spezialstudium absolvieren.
Würdenträger hin oder her - Berger ließ sie wissen, dass die Apokalypse allen Formen weltlicher Macht nicht gerade mit Respekt begegnet - anders als Paulus, der im Römerbrief schreibt: "Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam" (13,1) - sondern eher mit Verachtung: Für die Apokalypse sind die irdischen Mächte Teufelszeug. Für all das steht in der Apokalypse "Rom" - und seine Zerstörung ist die "vorletzte Station der Weltgeschichte". Erst danach wird es lichtreich und friedlich:
"Die Kirche der Zukunft ist die der Offenbarung des Johannes. Also keine Summe von Seelchen im Nachthemd, keine Mischung aus Kindergarten und Krankenhaus, kein Zauberberg-Sanatorium wie bei Thomas Mann sondern wie eine Hochzeit im Mai oder Anfang September. Endlich Frieden, endlich keine nächtlichen Schreie. Keine 'German Angst'. Eine geschwisterliche, musikalische Kirche, denn: Wer singt, wird auferstehen."
Klaus Berger und Verleger Manuel Herder
Klaus Berger spannte einen weiten Bogen von den Edelsteinen der Himmelstadt und der Architektur le Corbusiers, über Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale von Reims bis hin zu Joachim von Fiore. Auch mit den Apokalypse-Motiven in Hevy-Metal-Songs hat sich Berger beschäftigt:
"Gewiss, die Apokalyptik der Heavy Metal-Szene kommt ohne Gott und Christus, ohne Babylon, Jerusalem und Brautmystik aus, aber sie dokumentiert im Nachhinein den Wert und die Leistung der christlichen Apokalyptik: Diese hat für 1500 Jahre die wilden Tiere dieses Zoos gezähmt und gebändigt. Sie hat mit kräftigen Akzenten den Depressionen und Ängsten ein Hochzeitliches Mahl gegenüber gestellt."
Pater Bernd Hagenkord von Radio Vatikan hat seine Eindrücke des Vortrags hier aufgeschrieben. Und eine gekürzte Fassung des Vortrags lässt sich hier nachlesen. Den Kommentar kann man hier kaufen - er ist übrigens auch als E-Book zu haben.


Sonntag, 7. Mai 2017

Das zerstörte Rom

In der Johannesoffenbarung ist das zerstörte Rom die "vorletzte Station der Weltgeschichte", wie Klaus Berger sagt. Der Neutestamentler, der gerade einen über 1500-seitigen Kommentar zur Apokalypse des Johannes veröffentlicht hat, macht morgen Station in Rom, der vermeintlich ewigen Stadt, und hält am Päpstlichen Bibelinstitut einen Vortrag zum Thema: "Die Apokalypse des Johannes im Netzwerk frühchristlicher Theologien und im Leben der Kirche". Ewig ist natürlich in Wirklichkeit nur eine Stadt: Das himmlische Jerusalem.
Herzliche Einladung morgen, Montag, 8. Mai 2017 um 17.00 Uhr in das Pontificio Istituto Biblico, Piazza della Pilotta, 35.

Montag, 1. Mai 2017

Der barmherzige Blick

Das Bild vor seiner Segnung. Noch brennen keine Kerzen.
Mit seinem Werk "Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst" machte der Kunsthistoriker Hans Belting 1990 auf den fundamentalen Unterschied zwischen dem religiösen Bild und dem Kunstwerk aufmerksam. Das religiöse Bild ist strikt von seiner Funktion her zu sehen: Es verweist den Beter auf das, was es darstellt, es ist ein Hilfsmittel für die Verehrung von Heiligen und der Anbetung Gottes. Als solches spielt es auch seine Rolle in der Liturgie und der Frömmigkeitspraxis. Während religiöse Bilder also innerhalb eines bestimmten funktionalen Zusammenhangs stehen, befinden sich Kunstwerke gerade außerhalb dieses Zusammenhangs. Natürlich lässt sich aus einem religiösen Bild ein Kunstwerk machen - und zwar, indem man es aus seinem ursprünglichen Zusammenhang entfernt. Wer das Berliner Bode-Museum oder die Uffizien in Florenz besucht, sieht dort zahlreiche Bilder, die eigentlich "aus dem Zusammenhang gerissen" sind.
Es ist wahrscheinlich das wesentliche Kennzeichen der neuzeitlichen Kunst, dass hier die religiöse Funktion des Bildes ihre Selbstverständlichkeit verliert. Die Kunst der Moderne strebt schließlich so sehr nach Autonomie, dass es fast ausgeschlossen scheint, dass ein Künstler sich in seinem Schaffen einer religiösen Funktion unterwirft.
Von daher ist Michael Triegels Vorhaben, ein Andachtsbild zu malen, wirklich bemerkenswert. Michael Triegel hat während der Arbeit an diesem Auftrag lange gezögert, seinem Barmherzigen Jesus ein Gesicht gegeben. Doch das Gesicht ist für die Bildfunktion fundamental: Der Beter will schließlich mit dem Dargestellten in eine Beziehung treten. Das Bild dient als Medium für die Interaktion zwischen dem Beter und dem abgebildeten Jesus. Im Fall des speziellen Sujets geht es um den barmherzigen Blick Jesu, der den Beter treffen soll - und umgekehrt: der Beter soll Jesus anblicken, möglicherweise gar mitleidend angesichts der Leiden, die Jesus für ihn auf sich genommen hat. Die Beziehung ist eine Beziehung des Leidens und der Liebe.
Gleichzeitig ist Michael Triegel jedoch der Gedanke wichtig, dass die Abbildung nicht mit dem Abgebildeten verwechselt werden darf. Die platonische Unterscheidung zwischen Abbild und Urbild war in den bildtheologischen Kontroversen der Christentumsgeschichte herangezogen worden, um die christliche Bilderverehrung zu rechtfertigen und sie von der heidnischen Idolatrie abzusetzen. Triegel hat darum das Antlitz Christi in seinem Würzburger Andachtsbild auf Goldgrund gemalt und es damit sowohl überhöht als auch relativiert. Zunächst weckt diese Darstellungsweise Assoziationen an das leuchtende Antlitz des verklärten Christus:
„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht“ (Mt 17, 1-2).
Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Petrus will das Geschehen festhalten, aber es gelingt ihm nicht. Mit der Überhöhung durch den Goldgrund geht tatsächlich auch eine Relativierung einher. Denn der Effekt, der auf Reproduktionen nicht erkennbar ist, aber dem Betrachter vor Ort sofort auffällt, ist folgender: Je nachdem, von wo aus man das Bild betrachtet, sieht sein Gesicht anders aus. Manchmal ist es regelrecht überstrahlt und kaum erkennbar, manchmal kommen die Konturen klar zum Ausdruck. Gleichzeitig ist es, wie viele historische Andachtsbilder, so gemalt, dass es jeden Betrachter, unabhängig von seinem Standpunkt, anzublicken scheint.
Das erinnert an Nikolaus Cusanus' Schrift "De visione Dei". Anhand der Christusikone, die Cusanus den Mönchen vom Tegernsee schickt, begreifen sie, dass Gott jeden von ihnen anblickt, auch wenn sie sich an unterschiedlichen Positionen befinden und sich in verschiedene Richtungen bewegen. Der Theologe Johannes Hoff schreibt dazu:
"Das, was ich (z. B. im gemalten Blick des Allsehenden) sehe, ist mir nah; denn es blickt mich so an wie ich es anblicke. Doch es blickt auch andere an, und das untergräbt die Illusion, es füge sich meinem subjektiven Verstehens- und Erwartungshorizont. Gott ist mir zugleich näher und ferner als ich mir selbst. Darin liegt das Rätsel seines Blicks."
Vielleicht ist Michael Triegel aber doch noch etwas "barmherziger" mit dem Betrachter und lässt ihm etwas von seiner Subjektivität. Weil das Gesicht sich nämlich verändert, wenn ich mich vor ihm bewege, ist doch jeder Blick auf ihn von meinem subjektiven Standpunkt bestimmt.
Derart reflexive Gedanken muss sich der Beter aber natürlich nicht machen. Er kann Jesus auch einfach voll Vertrauen anblicken und sich von ihm anblicken lassen, kann getrost seine Kerze anzünden und das Knie beugen. Ich habe es selber ausprobiert. Es funktioniert!

Donnerstag, 20. April 2017

Barmherzigkeit, Andacht, Kitsch und Kunst

Am Samstag, 22. April 2017 um 19.00 Uhr wird Bischof Friedhelm Hofmann in der Würzburger Pfarrkirche St. Peter und Paul ein neues Bild des Leipziger Malers Michael Triegel segnen. Triegel, der in der DDR aufgewachsen ist und 2014 katholisch getauft wurde, hat für die kürzlich renovierte Kirche das Motiv des Barmherzigen Jesus neu interpretiert. Im vergangenen Jahr habe ich mit Michael Triegel für die "Herder Korrespondenz" ein Interview geführt. Triegel sprach damals auch über sein Vorhaben. Der Barmherzige Jesus gilt unter manchen Katholiken, die sich für gebildet halten, als Zumutung für ihren Geschmack und ihren Intellekt. Ich habe Triegel deshalb sinngemäß gefragt, ob das Ganze nicht eine völlig irre Idee ist (natürlich in anderen Worten):
Sie haben jetzt den Auftrag angenommen, für die Würzburger Pfarrei St. Peter und Paul ein Bild des Barmherzigen Jesus zu malen. Die existierenden Bilder, die auf die Visionen der heiligen Faustyna Kowalska zurückgehen, gelten als Inbegriff des religiösen Kitsches. Ist es nicht ein riskantes Vorhaben, einen neuen Barmherzigen Jesus zu malen?
Triegel: Das ist definitiv riskant. Aber das macht für mich auch das Spannende dieses Auftrags aus. Ich bin jetzt 47 Jahre alt und es ist doch gut, wenn man sich in diesem Alter wieder auf eine Gratwanderung einlässt – mit der Gefahr abzustürzen. Meine erste Reaktion auf die Anfrage war denn auch: Das geht gar nicht. Dann habe ich gedacht: Man kann die Barmherzigkeit Jesu eigentlich nur durch eine barmherzige Tat darstellen. Aber nach und nach kam es mir immer reizvoller vor, mir zunächst den Urtext vorzunehmen. Also lese ich jetzt die Visionen der Faustyna Kowalska.
Und was war Ihre erste Reaktion?
Triegel: Im ersten Moment – das muss ich zugeben – habe ich einen Schreck bekommen. Ich habe gedacht: Mein Gott, was ist mit der Frau los? Das ist ja an der Grenze zum Pathologischen.
Den Eindruck hat man bei Mystikern natürlich oft.
Triegel: Richtig. Und als ich das verstanden habe, kam bei mir die Frage auf, wieso ich die Visionen des heiligen Ignatius von Loyola für mich akzeptieren kann, ich aber derartige Schwierigkeiten habe, wenn der zeitliche Abstand zum Heute so klein ist. Faustyna ist morgens mit der Straßenbahn auf den Markt gefahren und abends erschien ihr der Barmherzige Jesus. Die historische Distanz taucht die Viten und Visionen der Heiligen normalerweise in ein märchenhaftes Licht. Das funktioniert bei Faustyna nicht. Ich habe mir nun vorgenommen, das, was sie schreibt, erst einmal wörtlich zu nehmen, es nicht sofort zu hinterfragen, sondern zu schauen, was es mit mir macht. Im Moment bin ich an dem Punkt zu sagen: Ich will versuchen, es so zu malen, wie sie es beschreibt – so gut wie möglich! Ich muss es, auch handwerklich, so malen, dass es glaubhaft ist; es darf keine Oberfläche sein, kein Abklatsch von Erwartungen.
Die Segnung geschieht im einem Vigilgottesdienst am Vorabend des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit. Ich habe Triegels Bild bereits gesehen und kann sagen, dass es sich nicht nur um eine "Aufwertung" des bekannten Motivs in Triegels altmeisterlichem Stil handelt, sondern dass das Bild tatsächlich Zeugnis eines theologischen und religiösen Ringens mit der Darstellbarkeit Gottes ist. Die Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, dass das Bild nicht für ein Museum gemalt ist und auch nicht, um eine leere Fläche an der Wand zu füllen, sondern dass es ein Andachtsbild ist, vor dem Menschen, die die Sache ernst nehmen, niederknien, Kerzen entzünden und ihre Gebete sprechen werden. Wann hat zuletzt ein zeitgenössischer Künstler so etwas versucht?

Donnerstag, 13. April 2017

Ernste Scherze

Für die neue Communio habe ich einen Essay über Paolo Sorrentinos Serie "The Young Pope" geschrieben. Der Papst in dieser Serie heißt Pius XIII. und er verkörpert in jeder Hinsicht das Gegenteil des modernen Papsttums: Er verbirgt sich vor der Öffentlichkeit und er ist unbarmherzig. Natürlich ist das Ganze eine Satire, aber eine überaus irritierende und verstörende. Sorrentino macht "sehr ernste Scherze". Die Serie ist im Internet auf Sky zu sehen und ist unbedingt empfehlenswert.
Im selben Heft gibt es Glückwünsche für einen realen Papst. Der emeritierte Pontifex Benedikt XVI. wird am Ostermontag 90 Jahre alt. Die Redaktion hat eine beeindruckende Schar von Gratulanten versammelt, darunter der Schriftsteller Arnold Stadler, der Komponist Krzysztof Penderecki, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sowie eine ganze Reihe von bedeutenden Philosophen: Charles Taylor, Jean-Luc Marion, Julia Kristeva und Holm Tetens.

Dienstag, 11. April 2017

Zwei Bauten

Kaum habe ich Rom verlassen und bin wieder in Deutschland, begegnet mir im Herzen Bayerns ein antiker Tempel. Der Bau atmet den Geist der mediterranen Welt, trägt aber einen germanischen Namen: Die Walhalla in Regensburg, erbaut vom bayrischen König Ludwig I. zu Ehren "rühmlich ausgezeichneter Teutscher". Deren Büsten lassen sich im Inneren des Tempels besichtigen. Die meisten Besucher genießen allerdings lieber die schöne Aussicht über das Regensburger Donautal von den Stufen des klassizistischen Gebäudes.
 Das Pathos ist dennoch eminent und bedarf dringend der Abkühlung. Da bietet sich in Regensburg das lieblich in einem Park gelegene Milch-Schwammerl an. Es handelt sich um eines der wenigen erhaltenen Beispiele eines so genannten Pilzkiosks. Diese Baugattung diente in den Fünfzigerjahren dazu, den Absatz von Milchprodukten in der Bevölkerung zu fördern. Das Regensburger Milch-Schwammerl steht heute unter Denkmalsschutz. Nach einer kläglichen Existenz als Dönerbude hat ein freundlicher Herr es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt und bietet dort Milchkaffee und verschiedene Erfrischungen an.

Samstag, 1. April 2017

Die Bilder der Päpste

Herder bei der Tagung "Die Macht der Päpste".
Rechts oben grüßt Papst Benedikt XVI. (Foto: S. Heid)
Noch nie hatten die Päpste eine solch hohe Sichtbarkeit wie in der modernen Mediengesellschaft. Vor dem Zeitalter der Massenmedien wusste wohl kaum ein Katholik, wie sein Kirchenoberhaupt aussah. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert mit der Entstehung der Fotografie und ihrer leichten technischen Reproduzierbarkeit. Heute kann jeder Bilder mit dem Smartphone aufnehmen und in den sozialen Netzwerken teilen, was die die Sichtbarkeit des Papstes noch einmal potenziert hat. Das treibt gelegentlich kuriose Blüten. Der Vatikan-Experte Ulrich Nersinger hat soeben auf ein besonders bizarres Beispiel hingewiesen.
Nersinger war auch Referent bei einer Tagung, die das Römische Institut der Görres-Gesellschaft letzte Woche zusammen mit dem Centrum für Religion und Moderne der Universität Münster organisiert hat: "Der politische Aufstieg des Papsttums: Mobilisierung, Medien und die Macht der mordernen Päpste". Nersinger wies bei der Tagung auf die bemerkenswerte Tatsache hin, dass Papst Pius IX. im Kirchenstaat ein Eisenbahnnetz "aus pastoralen Gründen" anlegen ließ: Er wollte damit die Romwallfahrt fördern. Für die Katholische Nachrichtenagentur habe ich einen kleinen Bericht über die Tagung geschrieben. 
Benjamin Leven und Botschafterin Schavan (Foto: S. Heid)
Dass der politische Aufstieg des Papsttums noch lange nicht an sein Ende gekommen ist, zeigte auch der zeitgleich stattfindende Besuch von 27 europäischen Staats- und Regierungschefs, die sich anlässlich des 60. Jubiläums der Römischen Verträge versammelt hatten, bei Papst Franziskus im Apostolischen Palast. Angesicht der Anfechtungen des europäischen Projekts wollte man nicht auf die Rückendeckung des Pontifex verzichten. Das "symbolische Kapital" des Papsttums ist noch nicht aufgebraucht.
Zu Beginn sprach Botschafterin Annette Schavan über die Reden von Päpsten vor Parlamenten und Versammlungen - angefangen von der Rede Pauls VI. vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen über Benedikts XVI. Rede vor dem Deutschen Bundestag bis hin zur Rede des aktuellen Papstes vor dem Europäischen Parlament. Der Verlag Herder war bei der Tagung auch mit einem Büchertisch der Herder Bücherstube Rom vertreten.

Freitag, 24. März 2017

Religion und Menschenrechte

Botschafterin Annette Schavan
Hier in Rom ist gerade Tagungssaison. So treffen sich Deutschen Historischen Institut derzeit deutschsprachige Theologen und Historiker, um über "Menschenrechte in der katholischen Kirche" zu diskutieren.
Annette Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, hatte gestern im Rahmen dieser Tagung zu einem Abendvortrag in ihre Residenz eingeladen. Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik in Erlangen und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, widmete sich aber nicht der Frage, wie der Menschenrechtsgedanke in der katholischen Kirche rezipiert worden ist, sondern sprach über das grundsätzliche Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Menschenrechten.
Bielefeldt machte dabei drei typische Konfigurationen aus: Postulierte Harmonie, kulturkämpferische Polarisierung und selektive Akzeptanzen. Diese jeweiligen Haltungen existierten jeweils auf beiden Seiten: Bei den Religionsgemeinschaften wie in der human rights community.

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt
Postulierte Harmonie: Sowohl aufseiten der Religionsvertreter als auch aufseiten der Menschenrechtler werde gelegentlich behauptet, dass Religionen und Menschenrechte im Grunde das Gleiche meinen und im Wesentlichen übereinstimmen. Die Vertreter einer solchen Position, so meinte Bielefeldt, machten sich nicht die Mühe, die nötigen "hermeneutischen Leistungen" zu erbringen.
Kulturkämpferische Polarisierung: Genauso gebe es aber auch Positionen auf beiden Seiten, die eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen Religionen und Menschenrechten behaupteten: So seien etwa Anhänger eines säkularistischen Humanismus der Überzeugung, dass Menschenrechte am Ende nur ohne Religionen zu haben sind.
Selektive Akzeptanzen: Manche Vertreter schließlich seien jeweils nur bereit, gewisse Aspekte der anderen Seite zu akzeptieren. So würden einige Menschenrechtsaktivisten die Religionen selektiv auslegen und sich etwa Passagen aus heiligen Schriften heraussuchen, die das eigene Anliegen unterstützen (etwa die berühmte Koranpassage "Es ist kein Zwang in der Religion"). Ebenso existierten Religionsvertreter, die für sie problematische Aspekte der Menschenrechte einfach ausblendeten.
Wie schwer beides im konkreten Fall in Übereinstimmung zu bringen ist, und wie komplex die dafür notwendigen "hermeneutischen Leistungen" sein können, klang in dem Vortrag nur kurz an. Ein Blick auf das weitere Programm der Tagung zeigt, dass sich die katholischen Theologen noch mit "Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung" beschäftigen wollen. Bei den entsprechenden hermeneutischen Bemühungen kann man nur viel Erfolg wünschen...


Freitag, 17. März 2017

Der Papst und andere Hoheiten

Gestern Abend haben wir in der Bibliothek des Päpstlichen Instituts Santa Maria dell'Anima das neue Buch "Der Papst - Sendung und Auftrag" von Kardinal Gerhard Ludwig Müller vorgestellt. Die "Anima" beherbergt ein Priesterkolleg, die deutschsprachige Pfarr- und Pilgerseelsorge und eine Bruderschaft und hat eine schöne Bibliothek, die sich hervorragend für Buchvorstellungen eignet, weil später auf jedem Foto im Hintergrund Bücher zu sehen sind.
Die Präsentation übernahm der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch, der im Vatikan für die Ökumene zuständig ist. Koch würdigte Müllers Buch als "perspektivenreiche Mischung von historischen und theologischen Aussagen über das einzigartige Amt des Papstes, eingehenden Analysen von päpstlichen Lehrschreiben und zahlreichen Kommentierungen der Situation des Glaubens und der Kirche heute“. Koch sprach außerdem über die Rolle der Päpste als Hindernis, aber auch als Förderer der Ökumene.

Kardinal Müller kritisierte in seinen Dankesworten den berühmten "antirömischen Affekt" genauso wie sein Gegenstück, einen übertriebenen "Papalismus". Die Veranstaltung war gut besucht. Unter den Gästen befanden sich mehrere Botschafter. Die verschiedenen Länder haben in Rom nämlich nicht nur Botschaften bei der Republik Italien, sondern auch beim Heiligen Stuhl. Neben der deutschen Botschafterin Annette Schavan, die mit zu der Veranstaltung eingeladen hatte, waren auch ihre Kollegen aus Österreich und Ungarn gekommen, Botschafter Dr. Alfons Kloss und Botschafter Dr. Eduard Habsburg-Lothringen.
Der ungarische Botschafter ist ein richtiger Erzherzog, den ich wohl mit "kaiserliche und königliche Hoheit" hätte ansprechen müssen. Er hört aber auch auf "Exzellenz".
Die Fraktion des Hochadels wurde verstärkt durch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die beim anschließenden Empfang den Herder-Büchertisch abräumte und sich zwölf Exemplare des sechshunderseitigen Opus von Kardinal Müller sicherte. Erste Berichte über die Veranstaltung gibt es bei katholisch.de und Radio Vatikan.

Mittwoch, 15. März 2017

Raub der Europa

In der großartigen Galleria Colonna, der privaten Kunstsammlung der römischen Adelsfamilie Colonna, die ihren Palazzo am Fuße des Quirinal seit fünfzehn Generationen bewohnt, hängt ein barocker "Raub der Europa" von Francesco Albani (1578-1660). Europa sitzt auf dem Rücken des als Stier getarnten Zeus, am Ufer bleiben ihre Gefährtinnen zurück. Eine von ihnen hebt erschrocken die Arme.  Europa hat dem Stier einen Blumenkranz gewunden. Putten breiten von oben ein rotes Tuch über beide. Der Stier ist schneeweiß und seine Hörner sind kaum zu erkennen. Eigentlich sieht er mehr aus, wie eine milde Kuh. Mit seinem einen, großen, feuchten rätselhaften Auge blickt er den Betrachter aus dem Bild heraus an, während er mit der fröhlich Geraubten über das Mittelmeer davonschwimmt. Man kann die Galleria Colonna jeden Samstagvormittag besichtigen. Der Eingang ist in der Via della Pilotta, 17.

Dienstag, 14. März 2017

Ist der Papst ein Monarch?

Im Jahr 1817 schrieb Joseph de Maistre, der sowohl als Philosoph der Gegenaufklärung, wie als Vordenker der modernen Soziologie gilt, seine Abhandlung "Vom Papste". Als Apologet der monarchischem Herrschaftsform interessierte sich de Maistre für die göttlich legitimierte Autorität des Papstes in der Kirche. Dabei fällt auf, dass es für de Maistre im Grunde keinen Unterschied zwischen dem Lehr- und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes gibt. In jedem Fall ist die Letztentscheidung des Papstes bindend. Gegen sie gibt es keinen Appell: "Mag man es anfangen, wie man nur immer wolle: man mag dieser hohen Gerichtsgewalt jeden beliebigen Namen geben; allemal muss Einer sein, dem nicht gesagt werden kann: Du hast geirrt" (de Maistre I, 24). Die Regierung der Kirche ist für den Denker der Reaktion "notwendig monarchisch" (28). Daraus ergibt sich für de Maistre unmittelbar die Unfehlbarkeit des Papstes:

"Ist die monarchische Form einmal festgestellt, so ist die Unfehlbarkeit nichts weiter, denn eine notwendige Folge der Suprematie, oder ist es vielmehr genau dieselbe Sache unter zwei verschiedenen Namen. (…) Wer das Recht hätte, dem Papste zu sagen, dass er sich geirrt, hätte aus demselben Grunde auch das Recht, ihm den Gehorsam zu verweigern: und hiermit wäre die Suprematie (oder Unfehlbarkeit) vernichtet" (28 f.).
Genau 200 Jahre später veröffentlicht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein ähnlich umfangreiches Werk mit einem ähnlichen Titel: „Der Papst. Sendung und Auftrag“. In der Zwischenzeit hat das Erste Vatikanische Konzil mit seiner dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ 1870 die päpstliche Unfehlbarkeit dogmatisiert. Kardinal Müller verteidigt dieses Dogma, stellt aber mehrfach fest: "Der päpstliche Primat hat grundsätzlich nichts mit einer monarchischen oder sonstigen Form von Machtausübung zu tun" (Müller, 514). Dementsprechend sagt Müller über die Kirche und ihre Organisationsform:

"Sie ist weder nach dem Prinzip der Einheit eine Mon-archie, noch nach dem Prinzip der Vielheit eine Olig-archie oder nach dem Prinzip der Allheit eine Demo-kratie. Als natürliche Analogien kommen infrage vielmehr die Familie, die von Gott gestiftet ist, oder das Volk, das als gewachsener Generationenverband von Menschen und besonders im Falle Israels von Gott berufen und zu seinem Volk erschaffen wird. Sie ist als Leib die lebendige und lebendigmachende Verbindung zwischen Christus als Haupt und den einzelnen Christen als Gliedern dieser Lebenseinheit. Die beste Orientierung geben die biblischen Bilder von der Kirche: Schafstall und Herde Christi, Gottes Pflanzung und Ackerfeld, Weinberg des Herrn, Gottes Haus, Tempel und Bauwerk. Die Kirche ist unsere Mutter, die Braut Christi (vgl. LG 6)" (329).
Theologisch lässt sich natürlich behaupten, die Kirche habe nichts mit weltlichen Formen der Machtausübung zu tun. Das wird die Soziologie und die Rechtswissenschaft nicht davon abhalten, die Verteilung und Handhabung der Macht in der Kirche aus ihrer Perspektive zu betrachten. Im Falle des regierenden Papstes wäre wohl festzustellen, dass er sich den Möglichkeiten seines Jurisdiktionsprimats sehr bewusst ist und gezielt von ihnen Gebrauch macht.

Am Donnerstag stellt Kardinal Kurt Koch hier in Rom das neue Buch von Kardinal Müller vor.