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Montag, 14. Januar 2019

Arrivederci Roma

Seit Ende des Jahres arbeite ich nicht mehr in Rom. Turnusgemäß hat mein Kollege Lucas Wiegelmann, bislang stellvertretender Feuilletonchef bei "Welt" und "Welt am Sonntag", den Posten übernommen und arbeitet nun für die "Herder Korrespondenz" und den Verlag Herder in der Ewigen Stadt. Ich bin gespannt auf seinen Blick auf Papsttum, Vatikan und Weltkirche!
Es war eine spannende und herrliche Zeit in Italien. Ich habe verrückte Dinge erlebt, eine Menge interessanter, schräger und auch liebenswürdiger Leute kennengelernt. Meine Frau und ich bleiben der Stadt verbunden. Am 8. Dezember, dem Patronatsfest, wurden wir in die Erzbruderschaft der Deutschen und Flamen am Campo Santo aufgenommen. Einen kleinen Abschiedstext haben ich hier veröffentlicht. Ich freue mich auf ein Wiedersehen! Ich mache jetzt eine kleine Pause und schreibe ab März wieder von Berlin aus.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Happy Halloween

"Sacro Cuore del Suffragio"
Im Internet tobt der Kulturkampf. Auf meiner Facebook-Timeline finde ich durchgestrichene Kürbisse. Und auf katholisch.de heißt es: "Kirche warnt eindringlich vor Halloween". Zitiert wird der Sprecher der polnischen Bischofkonferenz. Dieser stellt fest, Halloween führe zu "Albträumen mit Gespenstern". Und überhaupt handle es sich um einen "heidnischen Brauch".
Dabei stimmt das gar nicht. Denn Halloween hat mit dem Glauben an die Armen Seelen zu tun, der im katholischen Europa noch vor gar nicht langer Zeit weit verbreitet war. Dieser Glaube hing mit der Lehre vom Fegefeuer zusammen: Die Seele wird nach dem Tod noch eine Zeit lang geläutert, bevor sie in die himmlische Seligkeit gelangt. Damit verband sich im Volksglauben die Überzeugung, die noch nicht ganz erlösten Seelen der Verstorbenen könnten den Lebenden erscheinen und sie erschrecken. An Allerheiligen und Allerseelen, wo die Kirche der Toten gedenkt, war natürlich der bevorzugte Termin, an dem sich auch die Armen Seelen bei den Hinterbliebenen meldeten. Noch vor 80 Jahren ließ man in Bayern an diesen Tagen für die Verstorbenen etwas zu Essen übrig und steckte ein Licht an, um ihnen die Orientierung zu erleichtern. Auswanderer aus Irland, aber auch aus anderen katholischen Gegenden Europas, nahmen solche Bräuche mit in die Neue Welt. Was im Land des Kapitalismus damit geschah, wissen wir.
Brandabdruck der Hand einer Armen Seele
Hier in Rom gibt es einen kuriosen Ort, an dem Zeugnisse des Arme-Seelen-Glaubens besichtigt werden können. Vor einigen Jahren hatte ich darüber in der Zeitung gelesen. Heute Nachmittag bin ich hingefahren. Am Tiberufer im Stadtteil Prati steht die Kirche "Sacro Cuore del Suffragio", die an sich schon sehenswert ist, weil sie in einem Stil gebaut ist, der sonst in Rom kaum vorkommt: der Neogotik. Geweiht wurde sie vor morgen genau 100 Jahren, am Allerheiligentag 1917. Ein französischer Priester, Victor Jouet, hatte Ende des 19. Jahrhunderts in Rom die "Vereinigung vom heiligsten Herzen Jesu zur Fürbitte für die armen Seelen im Fegefeuer" gegründet und begonnen, eine Kirche zu bauen. Während der Bauarbeiten brauch ein Feuer aus. Als der Brand gelöscht war, blieb auf einem Pfeiler etwas sichtbar, das Jouet als Umriss eines traurigen Gesichts deutete: die Manifestation einer Armen Seele! Daraufhin machte sich Jouet in Europa auf die Suche nach ähnlichen Phänomenen und stellte so eine Sammlung verschiedener Objekte zusammen, für die er neben der Kirche ein Fegefeuer-Museum einrichtete. Die Sammlung ist später stark reduziert worden, sodass es heute in einem Nebenraum der Sakristei nur noch eine kleine Vitrine zu sehen gibt. Darin: Gegenstände, auf denen die Armen Seelen mit ihren Fingern Brandabdrücke hinterlassen haben: Gebetbücher, Tischplatten, aber auch eine Nachtmütze.
Darunter ist ein deutschsprachiges Gebetbuch, passenderweise beim Messformular "für die Abgestorbenen" aufgeschlagen. Auf dem ausliegenden Informationsblatt heißt es dazu: "Ein Brandabdruck, den der verstorbene Josef Schitz hinterließ, indem er mit den 5 Fingern der rechten Hand das Gebetbuch seines Bruders Georg am 21. Dez. 1838 in Stralbe berührte. Der Verstorbene bat um Gebete für seine Seelenruhe und um Wiedergutmachung seiner Gleichgültigkeit im religiösen Leben."
In diesem Sinne: Happy Halloween.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Konzerte in Rom

Einmal im Jahr organsiert die Stiftung "Pro Musica e Arte Sacra" in Rom ein Musikfestival. Die Stiftung wurde vom Reiseunternehmer Hans-Albert Courtial gegründet und finanziert zahlreiche Restaurierungsprojekte in römischen Kirchen. Regelmäßig sind bei den herbstlichen Festivals auch die Wiener Philharmoniker zu Gast. Die Konzerte finden in römischen Kirchen statt.
In diesem Jahr gibt es Musik von Mozart, Haydn und Bruckner, aber auch von Komponisten der Reformation: Heinrich Schütz, Michael Praetorius und Samuel Scheidt. Das Festival beginnt am 4. November 2017 und geht bis zum 10. November 2017. Hier ist das vollständige Programm. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, man muss aber im Internet einen Platz reservieren, um teilnehmen zu können.

Dienstag, 4. Juli 2017

Öffnung durch Zwang

Gebäude der Glaubenskongregation in Rom
Unterdessen wissen wir über das Schicksal von Kardinal Müller Bescheid. Der 69jährige geht in den Ruhestand. Im folgt die langjährige Nummer Zwei der Glaubenskongregation nach, der 73jährige Jesuit Luis Francisco Ladaria Ferrer. Menschen, die ihn seit langem kennen, beschreiben Ladaria als beliebten Theologieprofessor, bescheiden und fromm, und vor allem: loyal. Ladaria wurde 2008 von Benedikt XVI. ins Amt gebracht. Ein theologischer Paradigmenwechsel ist von ihm nicht zu erwarten. Augenscheinlich ging es eher darum, Kardinal Müller loszuwerden.
In einer Audienz mit dem Papst am Mittag des 30. Juli 2017, einem Freitag, erfuhr Müller, dass er gerade seinen letzten Arbeitstag hinter sich gehabt hatte. Papst Franziskus hatte den Kardinal bis zuletzt darüber im Unklaren gelassen, ob er ihm eine weitere fünfjährige Amtszeit geben wollte, oder nicht. Offensichtlich sprach Müller im Anschluss an die Audienz mit Journalisten, denn die Nachricht machte bereit am Freitagnachmittag die Runde. Darum sah der Vatikanische Pressedienst sich wohl gezwungen, die Entscheidung des Papstes nicht erst mit dem Bulletin am Montag, sondern bereits am Samstag offiziell bekanntzugeben.
Am Samstag und Sonntag war Müller dann zu einem Klassentreffen in Mainz. Der dortigen Allgemeinen Zeitung sagte er, es habe "keine Differenzen" zwischen ihm und Franziskus gegeben. Die Entscheidung habe ihn "überrascht", sie mache ihm aber wenig aus. Die Zeitung zitiert den Kardinal mit den Worten: "Jeder muss mal aufhören".
Laut dem Kardinal gibt es keinen Konflikt zwischen ihm und dem Papst. Für viele Kommentatoren ist der Konflikt jedoch ganz augenscheinlich vorhanden. Bei der Frage nach der Möglichkeit des Kommunionempfangs für zivil wiederverheiratete Geschiedene war es bei den beiden römischen Familiensynoden zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Teilnehmern gekommen. Papst Franziskus versteckte die vieldiskutierte Angelegenheit schließlich im dreihunderseitigen Abschlussdokument "Amoris Laetitia" in einer Fußnote, die zudem wenig eindeutig war. Von vielen wurde das so interpretiert: Der Papst wollte mehr - mehr war aber nicht drin, wenn er keine Spaltung unter den Bischöfen riskieren wollte. So ließ er die Sache absichtlich im Unklaren. In der FAZ kommentierte Christian Geyer:
"Man hätte einfach nur gerne gewusst, was gelten soll. Um dann selbst entscheiden zu können, ob und unter welchen Bedingungen man sich daran halten möchte oder nicht."
Kurze Zeit später sagte Kardinal Müller bei einem Vortrag im spanischen Oviedo, es gebe keinen Anlass zu der Annahme, "Amoris laetitia" erlaube Geschiedenen, die sich in einer neuen Ehe befinden (und sich nicht vornehmen, in Zukunft abstinent zu leben) den Eucharistieempfang. Hätte Franziskus eine solche Entscheidung treffen wollen, so Müller, hätte er dies "mit Klarheit" getan und entsprechende Gründe dargelegt.
Das Resultat der von Franziskus so gewollten (und von Müller eben nicht gewollten) Uneindeutigkeit ist, dass es nun in unterschiedlichen Ortskirchen gegensätzliche Interpretationen des Dokuments gibt. Das Internetportal katholisch.de titelte am 15.1.2017 "Malta: Wiederverheiratete können zur Kommunion" und am 8.6.2017 "Keine Kommunion für Wiederverheiratete in Polen". Vier Kardinäle wollten den Papst zwingen, diese Uneindeutigkeit zu beseitigen, indem sie ihm entsprechende Fragen vorlegten, bekamen aber vom Papst keine Antwort.
Die Situation ist offensichtlich so angespannt, dass Franziskus nun bereits zum zweiten Mal einer direkten Konfrontation aus dem Wege gegangen ist - darauf hat gerade Guido Horst in der Tagespost aufmerksam gemacht. Zwei Tage vor Müllers Entlassung fand in Rom ein Konsistorium, also eine Vollversammlung der Kardinäle statt. Anlass war die Aufnahme von fünf neuen Bischöfen in das Kardinalskollegium. Normalerweise gibt es beim Konsistorium auch einen nichtöffentlichen Teil, der dem Austausch zwischen dem Papst und seinen engsten Beratern dient. Doch dieses Gespräch fiel aus - wie schon beim letzten Konsistorium im vergangenen November. Der Papst will sich offensichtlich nicht in die Situation bringen, sich vor dem versammelten Kardinalskollegium unangenehme Fragen stellen zu lassen.
Schon oft hat der Papst von "Synodalität" gesprochen. Trotzdem gilt, was ich im letzten Heft der "Herder Korrespondenz" geschrieben habe:
"Als es bei den beiden römischen Familiensynoden 2014 und 2015 zu unerwarteten Widerständen vonseiten einiger Bischöfe und Kardinäle gegen die Agenda von Papst Franziskus kam, sagte er in seiner Ansprache zum fünfzigjährigen Bestehen der Bischofssynode, der 'synodale Weg' gipfele 'im Hören auf den Bischof von Rom, der gerufen ist, als Hirte und Lehrer aller Christen‘ zu sprechen'. (...) Der Papst kann sich beraten lassen, er kann auf Gläubige und Bischöfe hören. Aber am Ende haben sie auf ihn zu hören."
Wenn es darauf ankommt, wird der Papst durchaus autoritär. In der "Zeit" hat der Theologe Gregor Maria Hoff gerade sinngemäß geschrieben, dass Papst Franziskus leider keine andere Möglichkeit habe, als die gewünschte "Öffnung" in der Kirche mit Macht durchzusetzen. Das Vorgehen des Papstes in der Causa Müller habe, "etwas Ambivalentes", so Hoff,
"weil Franziskus seine Vorstellungen in der Kurie nur voranbringen kann, wenn er die Macht ausspielt, die ihm die Kardinäle in die Hände gelegt haben. Aber es markiert auch kirchlich Wegweisendes, wenn der Papst nicht auf die selbstverständliche Autorität seines Amtes setzen kann: Der erforderliche Gebrauch seiner Macht relativiert es. Die Paradoxie einer Politik der kirchlichen Öffnung mit den Mitteln der geschlossenen Kirchengesellschaft führt das Papstamt an seine Grenzen."
Liebe Leser, finden Sie das logisch?

Montag, 29. Mai 2017

Die Apokalypse, Heavy Metal und die wilden Tiere im christlichen Zoo

Klaus Berger beim Vortrag
Der Vortrag, den Klaus Berger von einiger Zeit in Rom über die Apokalypse gehalten hat, fand großen Anklang. Viele Studenten und Professoren römischer Universitäten hatten sich eingefunden, dazu eine Reihe von kirchlichen und diplomatischen Würdenträger. Auch Verleger Manuel Herder war nach Rom gekommen. Am Vormittag hatten Berger und Herder Papst Emeritus Benedikt XVI. besucht und ihm Bergers zweibändigen Apokalypsekommentar überreicht. Nachmittags sprach Berger dann im Pontificium Institutum Biblicum, dem päpstlichen Bibelinstitut, wo Theologen aus aller Welt ein bibelwissenschaftliches Spezialstudium absolvieren.
Würdenträger hin oder her - Berger ließ sie wissen, dass die Apokalypse allen Formen weltlicher Macht nicht gerade mit Respekt begegnet - anders als Paulus, der im Römerbrief schreibt: "Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam" (13,1) - sondern eher mit Verachtung: Für die Apokalypse sind die irdischen Mächte Teufelszeug. Für all das steht in der Apokalypse "Rom" - und seine Zerstörung ist die "vorletzte Station der Weltgeschichte". Erst danach wird es lichtreich und friedlich:
"Die Kirche der Zukunft ist die der Offenbarung des Johannes. Also keine Summe von Seelchen im Nachthemd, keine Mischung aus Kindergarten und Krankenhaus, kein Zauberberg-Sanatorium wie bei Thomas Mann sondern wie eine Hochzeit im Mai oder Anfang September. Endlich Frieden, endlich keine nächtlichen Schreie. Keine 'German Angst'. Eine geschwisterliche, musikalische Kirche, denn: Wer singt, wird auferstehen."
Klaus Berger und Verleger Manuel Herder
Klaus Berger spannte einen weiten Bogen von den Edelsteinen der Himmelstadt und der Architektur le Corbusiers, über Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale von Reims bis hin zu Joachim von Fiore. Auch mit den Apokalypse-Motiven in Hevy-Metal-Songs hat sich Berger beschäftigt:
"Gewiss, die Apokalyptik der Heavy Metal-Szene kommt ohne Gott und Christus, ohne Babylon, Jerusalem und Brautmystik aus, aber sie dokumentiert im Nachhinein den Wert und die Leistung der christlichen Apokalyptik: Diese hat für 1500 Jahre die wilden Tiere dieses Zoos gezähmt und gebändigt. Sie hat mit kräftigen Akzenten den Depressionen und Ängsten ein Hochzeitliches Mahl gegenüber gestellt."
Pater Bernd Hagenkord von Radio Vatikan hat seine Eindrücke des Vortrags hier aufgeschrieben. Und eine gekürzte Fassung des Vortrags lässt sich hier nachlesen. Den Kommentar kann man hier kaufen - er ist übrigens auch als E-Book zu haben.


Sonntag, 7. Mai 2017

Das zerstörte Rom

In der Johannesoffenbarung ist das zerstörte Rom die "vorletzte Station der Weltgeschichte", wie Klaus Berger sagt. Der Neutestamentler, der gerade einen über 1500-seitigen Kommentar zur Apokalypse des Johannes veröffentlicht hat, macht morgen Station in Rom, der vermeintlich ewigen Stadt, und hält am Päpstlichen Bibelinstitut einen Vortrag zum Thema: "Die Apokalypse des Johannes im Netzwerk frühchristlicher Theologien und im Leben der Kirche". Ewig ist natürlich in Wirklichkeit nur eine Stadt: Das himmlische Jerusalem.
Herzliche Einladung morgen, Montag, 8. Mai 2017 um 17.00 Uhr in das Pontificio Istituto Biblico, Piazza della Pilotta, 35.

Freitag, 24. März 2017

Religion und Menschenrechte

Botschafterin Annette Schavan
Hier in Rom ist gerade Tagungssaison. So treffen sich Deutschen Historischen Institut derzeit deutschsprachige Theologen und Historiker, um über "Menschenrechte in der katholischen Kirche" zu diskutieren.
Annette Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, hatte gestern im Rahmen dieser Tagung zu einem Abendvortrag in ihre Residenz eingeladen. Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik in Erlangen und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, widmete sich aber nicht der Frage, wie der Menschenrechtsgedanke in der katholischen Kirche rezipiert worden ist, sondern sprach über das grundsätzliche Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Menschenrechten.
Bielefeldt machte dabei drei typische Konfigurationen aus: Postulierte Harmonie, kulturkämpferische Polarisierung und selektive Akzeptanzen. Diese jeweiligen Haltungen existierten jeweils auf beiden Seiten: Bei den Religionsgemeinschaften wie in der human rights community.

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt
Postulierte Harmonie: Sowohl aufseiten der Religionsvertreter als auch aufseiten der Menschenrechtler werde gelegentlich behauptet, dass Religionen und Menschenrechte im Grunde das Gleiche meinen und im Wesentlichen übereinstimmen. Die Vertreter einer solchen Position, so meinte Bielefeldt, machten sich nicht die Mühe, die nötigen "hermeneutischen Leistungen" zu erbringen.
Kulturkämpferische Polarisierung: Genauso gebe es aber auch Positionen auf beiden Seiten, die eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen Religionen und Menschenrechten behaupteten: So seien etwa Anhänger eines säkularistischen Humanismus der Überzeugung, dass Menschenrechte am Ende nur ohne Religionen zu haben sind.
Selektive Akzeptanzen: Manche Vertreter schließlich seien jeweils nur bereit, gewisse Aspekte der anderen Seite zu akzeptieren. So würden einige Menschenrechtsaktivisten die Religionen selektiv auslegen und sich etwa Passagen aus heiligen Schriften heraussuchen, die das eigene Anliegen unterstützen (etwa die berühmte Koranpassage "Es ist kein Zwang in der Religion"). Ebenso existierten Religionsvertreter, die für sie problematische Aspekte der Menschenrechte einfach ausblendeten.
Wie schwer beides im konkreten Fall in Übereinstimmung zu bringen ist, und wie komplex die dafür notwendigen "hermeneutischen Leistungen" sein können, klang in dem Vortrag nur kurz an. Ein Blick auf das weitere Programm der Tagung zeigt, dass sich die katholischen Theologen noch mit "Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung" beschäftigen wollen. Bei den entsprechenden hermeneutischen Bemühungen kann man nur viel Erfolg wünschen...


Freitag, 17. März 2017

Der Papst und andere Hoheiten

Gestern Abend haben wir in der Bibliothek des Päpstlichen Instituts Santa Maria dell'Anima das neue Buch "Der Papst - Sendung und Auftrag" von Kardinal Gerhard Ludwig Müller vorgestellt. Die "Anima" beherbergt ein Priesterkolleg, die deutschsprachige Pfarr- und Pilgerseelsorge und eine Bruderschaft und hat eine schöne Bibliothek, die sich hervorragend für Buchvorstellungen eignet, weil später auf jedem Foto im Hintergrund Bücher zu sehen sind.
Die Präsentation übernahm der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch, der im Vatikan für die Ökumene zuständig ist. Koch würdigte Müllers Buch als "perspektivenreiche Mischung von historischen und theologischen Aussagen über das einzigartige Amt des Papstes, eingehenden Analysen von päpstlichen Lehrschreiben und zahlreichen Kommentierungen der Situation des Glaubens und der Kirche heute“. Koch sprach außerdem über die Rolle der Päpste als Hindernis, aber auch als Förderer der Ökumene.

Kardinal Müller kritisierte in seinen Dankesworten den berühmten "antirömischen Affekt" genauso wie sein Gegenstück, einen übertriebenen "Papalismus". Die Veranstaltung war gut besucht. Unter den Gästen befanden sich mehrere Botschafter. Die verschiedenen Länder haben in Rom nämlich nicht nur Botschaften bei der Republik Italien, sondern auch beim Heiligen Stuhl. Neben der deutschen Botschafterin Annette Schavan, die mit zu der Veranstaltung eingeladen hatte, waren auch ihre Kollegen aus Österreich und Ungarn gekommen, Botschafter Dr. Alfons Kloss und Botschafter Dr. Eduard Habsburg-Lothringen.
Der ungarische Botschafter ist ein richtiger Erzherzog, den ich wohl mit "kaiserliche und königliche Hoheit" hätte ansprechen müssen. Er hört aber auch auf "Exzellenz".
Die Fraktion des Hochadels wurde verstärkt durch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die beim anschließenden Empfang den Herder-Büchertisch abräumte und sich zwölf Exemplare des sechshunderseitigen Opus von Kardinal Müller sicherte. Erste Berichte über die Veranstaltung gibt es bei katholisch.de und Radio Vatikan.

Dienstag, 14. März 2017

Ist der Papst ein Monarch?

Im Jahr 1817 schrieb Joseph de Maistre, der sowohl als Philosoph der Gegenaufklärung, wie als Vordenker der modernen Soziologie gilt, seine Abhandlung "Vom Papste". Als Apologet der monarchischem Herrschaftsform interessierte sich de Maistre für die göttlich legitimierte Autorität des Papstes in der Kirche. Dabei fällt auf, dass es für de Maistre im Grunde keinen Unterschied zwischen dem Lehr- und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes gibt. In jedem Fall ist die Letztentscheidung des Papstes bindend. Gegen sie gibt es keinen Appell: "Mag man es anfangen, wie man nur immer wolle: man mag dieser hohen Gerichtsgewalt jeden beliebigen Namen geben; allemal muss Einer sein, dem nicht gesagt werden kann: Du hast geirrt" (de Maistre I, 24). Die Regierung der Kirche ist für den Denker der Reaktion "notwendig monarchisch" (28). Daraus ergibt sich für de Maistre unmittelbar die Unfehlbarkeit des Papstes:

"Ist die monarchische Form einmal festgestellt, so ist die Unfehlbarkeit nichts weiter, denn eine notwendige Folge der Suprematie, oder ist es vielmehr genau dieselbe Sache unter zwei verschiedenen Namen. (…) Wer das Recht hätte, dem Papste zu sagen, dass er sich geirrt, hätte aus demselben Grunde auch das Recht, ihm den Gehorsam zu verweigern: und hiermit wäre die Suprematie (oder Unfehlbarkeit) vernichtet" (28 f.).
Genau 200 Jahre später veröffentlicht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein ähnlich umfangreiches Werk mit einem ähnlichen Titel: „Der Papst. Sendung und Auftrag“. In der Zwischenzeit hat das Erste Vatikanische Konzil mit seiner dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ 1870 die päpstliche Unfehlbarkeit dogmatisiert. Kardinal Müller verteidigt dieses Dogma, stellt aber mehrfach fest: "Der päpstliche Primat hat grundsätzlich nichts mit einer monarchischen oder sonstigen Form von Machtausübung zu tun" (Müller, 514). Dementsprechend sagt Müller über die Kirche und ihre Organisationsform:

"Sie ist weder nach dem Prinzip der Einheit eine Mon-archie, noch nach dem Prinzip der Vielheit eine Olig-archie oder nach dem Prinzip der Allheit eine Demo-kratie. Als natürliche Analogien kommen infrage vielmehr die Familie, die von Gott gestiftet ist, oder das Volk, das als gewachsener Generationenverband von Menschen und besonders im Falle Israels von Gott berufen und zu seinem Volk erschaffen wird. Sie ist als Leib die lebendige und lebendigmachende Verbindung zwischen Christus als Haupt und den einzelnen Christen als Gliedern dieser Lebenseinheit. Die beste Orientierung geben die biblischen Bilder von der Kirche: Schafstall und Herde Christi, Gottes Pflanzung und Ackerfeld, Weinberg des Herrn, Gottes Haus, Tempel und Bauwerk. Die Kirche ist unsere Mutter, die Braut Christi (vgl. LG 6)" (329).
Theologisch lässt sich natürlich behaupten, die Kirche habe nichts mit weltlichen Formen der Machtausübung zu tun. Das wird die Soziologie und die Rechtswissenschaft nicht davon abhalten, die Verteilung und Handhabung der Macht in der Kirche aus ihrer Perspektive zu betrachten. Im Falle des regierenden Papstes wäre wohl festzustellen, dass er sich den Möglichkeiten seines Jurisdiktionsprimats sehr bewusst ist und gezielt von ihnen Gebrauch macht.

Am Donnerstag stellt Kardinal Kurt Koch hier in Rom das neue Buch von Kardinal Müller vor.