Dienstag, 8. Mai 2018

Warum Papst Franziskus Rihanna und Kardinal Burke braucht

Rihanna als Papst
30.000 Dollar kostet eine Eintrittskarte. Eine Tischreservierung ist für 275.000 Dollar zu haben. Die jährliche "Met Gala" ist eine Fundraising-Veranstaltung für das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York. Die Gala eröffnet jeweils eine Modeausstellung des Museums. Thema in diesen Jahr: "Himmlische Körper. Mode und die katholische Vorstellungskraft". Die prominenten Gäste der Gala interpretieren mit ihrem Look gern das jeweilige Motto. So auch in diesem Jahr. Rihanna trug Mitra, Katy Perry hatte Engelsflügel umgeschnallt und die Sängerin Zendaya erschien, inspiriert von Jeanne d'Arc, in Rüstung und Kettenhemd.
Die Ausstellung kam unter offizieller Beteiligung des Vatikans zustande. Fünfzig Stücke aus der päpstlichen Sakristei sind im Rahmen der New Yorker Schau zu sehen. Dahinter steckt Kardinal Gianfranco Ravasi, der Chef des Päpstlichen Kulturrats. Im Interview mit der italienischen Vogue erklärt er:
"Das liturgische Gewand ist so reich und prächtig, weil es die transzendente Dimension des religiösen Geheimnisses repräsentiert, und bestrebt ist, dasjenige, was göttlich ist, mit Herrlichem und Wunderbaren zu schmücken." Mode, so der Kardinal, sei "eine Form der Kommunikation, die in der zeitgenössischen Kultur sehr relevant ist." Und er fuhr fort: "Wie in den kirchlichen Paramenten die Sakralität der liturgischen Funktion zum Vorschein kommt, so erscheint in den Luxuskleidern der Haute Couture eine symbolische Funktion, die über die reine Funktion, sich zu bedecken, hinausgeht".
Katy Perry als Engel
In der Tat. Die katholische Tradition hat die komplexe symbolische Funktion von Kleidung stets zu nutzen gewusst. Im Gesamtkunstwerk Liturgie spielten Kleidungsstücke immer eine große Rolle: Sie bildeten einen eigenen semiotischen "Code", eine textile Zeichensprache, die mit den anderen Ausdrucksebenen des Gottesdienstes – Gesten und Bewegungen, Klänge, Gerüche bis hin zu Blumen – zusammenwirkte.
Doch seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist es im Katholizismus etwas verpönt, allzu viel Aufmerksamkeit auf Kleidung und überhaupt auf "Äußerlichkeiten", auf cultus et decor, zu verschwenden. Die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" gab 1963 die Parole von der "edlen Einfachheit" aus. Adolf Loos, der Prophet der architektonischen Moderne, hatte bereits 1908 in seinem Essay "Ornament und Verbrechen" geschrieben: "Der moderne Mensch, der Mensch mit den modernen Nerven, braucht das Ornament nicht, er verabscheut es". Schmuck war etwas für tätowierte Häftlinge und degenerierte Aristokraten.
Das ist hundert Jahre her und entspricht nicht mehr ganz dem Zeitgeist. Wie in der Mode kennt auch die Kirche Revivals. So kam es unter Papst Benedikt XVI. zu einem Wiederaufleben älterer Gewänder und Insignien. So manch abgeschnittener Zopf war plötzlich wieder da. Das war sicher auch Ausdruck einer neuen Suche nach Identität: Nach dem "Aggiornamento" der Sechziger ging es im neuen Millenium um das Wiederanknüpfen an Traditionen.
Beobachter fielen etwa die roten Schuhe auf, die der Papst trug, und die an die „Kreuzigung und das Blut Christi“ erinnern sollten, wie der päpstliche Schuhmacher damals in einem Interview erläuterte.
Papst Franziskus konnte mit diesen Revival offenkundig nichts anfangen, und so sind mit ihm wieder nüchternere Zeiten angebrochen. Er trägt immer wieder die selbe Mitra mit den braune Streifen, die er schon in Buenos Aires regelmäßig aufhatte. Pracht und Luxus ist ihm zuwider. Das Einzige, was er zur Schau stellt, ist seine Bescheidenheit und Demut. "Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen," gab kürzlich ein Schneider auf katholisch.de zu Protokoll.
Raymond Burke als Kardinal
Diejenigen, die gegen das päpstliche Vorbild an einer gewissen Opulenz festhalten, gelten unter vielen Kirchenleuten als Witzfiguren, ja, als klerikale Transvestiten. Die meterlange Seidenschleppe, mit der Kardinal Raymond Burke gelegentlich zu sehen ist, hat ihm natürlich viel Spott eingebracht, obwohl er bei der Met Gala damit wohl genau richtig gewesen wäre.
Der Spott über die Tracht der Kleriker ist ein antiklerikaler Topos aus dem 19. Jahrhundert. Die Priester mit ihren langen Gewändern, galten schon damals als weibisch, hysterisch, unmännlich – und damit als perfekte Exempel der irrationalen, ja perversen Natur des Katholizismus. Irgendwann hat man sich in der katholischen Kirche diese Kritik zueigen gemacht.
Das heißt nun aber nicht, dass der Verzicht auf Pracht auch einen Verzicht auf textile Kommunikation bedeutet. Die Eintönigkeit der päpstlichen Gewänder, die orthopädischen Schuhe, die Franziskus trägt, ja sogar sein Brillengestell werden in Zeiten der medialen Omnipräsenz des Papstes natürlich auch zu kommunikativen Mitteln. Der Papst macht so deutlich, dass Gott für ihn weniger in der Schönheit und Herrlichkeit zu finden ist, sondern eher in der Armut, in der Schwäche, in der Einfachheit. "Man kann nicht nicht kommunizieren", lehrt uns Paul Watzlawick.
Diese Zeichensprache lebt allerdings vom Kontrast. Insofern ist der Pomp von Kardinal Burke und die Outfits den Stars bei der Met-Gala mit ihren überdeutlichen, teilweise bizarren sakralen Anleihen, sogar notwendig: Als Kontrastfolie für die ostentative Demut des Papstes.

Donnerstag, 26. April 2018

Gegen eine Instrumentalisierung des Sonntags!

"Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", heißt es in der Verfassung. Als Christ bin ich gegen diese Vereinnahmung des Sonntags durch den Staat. Denn für Christen bedeutet der Sonntag doch eigentlich etwas ganz anderes und viel mehr: Er ist der Tag, an dem wir Tod und Auferstehung Christi feiern. Ich möchte nicht, dass der heilige Tag der Christen auf geradezu blasphemische Weise für irgendwelche Erholungszwecke und eine unspezifische "geistige Erhebung" instrumentalisiert wird, die zudem diejenigen ausgrenzt, die sich an einem anderen Tag erholen wollen.

Mittwoch, 25. April 2018

Kirchenleute gegen Kreuze

In hoc signo vinces.
Das ist schon kurios. Die bayrisches Staatsregierung unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beschließt, dass hinfort in allen Dienststellen des Freistaats Bayern Kreuze aufgehängt werden sollen, und Kritik kommt von... Kirchenvertretern. Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose schreibt in einem "offenen Brief" auf Facebook:
"Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden. In unserer Wahrnehmung wird das Christentum zunehmend von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben. Über diese Entwicklung bin ich gemeinsam mit vielen anderen sehr besorgt. Ich bitte Sie eindringlich: Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam."
 Der Bochumer Theologieprofessor Georg Essen ließ über Twitter wissen:
"Ich sage das jetzt mal als gläubiger Katholik und Theologe mit Kreuz im Arbeitszimmer: Für mich ist diese politische Instrumentalisierung durch Söder Blasphemie, theologisch eine Häresie und verfassungsrechtlich nur schwer erträglich."
Und der katholische Autor Andreas Püttmann teilte über den Kurznachrichtendienst mit:
"Ich freue mich über jedes Kreuz im öffentlichen Raum, als Botschaft selbstloser Liebe, höherer Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindender Hoffnung, als Vermächtnis von Generationen. Als trotzig installierter Identitätsmarker, Kampfansage und Wahlkampfgag verliert es all das."
Laut der Staatsregierung ist das Kreuz "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland". Söder bezeichnete es als "grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung". Es verstoße darum nicht gegen das Neutralitätsgebot.
Aufgrund dieser Aussagen heißt es nun, der Ministerpräsident instrumentalisiere das Kreuz, er missbrauche es gar als Signal von "Ausgrenzung". Das kann man ja so sehen. Aber trotzdem ist es doch merkwürdig, wenn Kirchenleute jetzt gegen mehr Kreuze in der Öffentlichkeit kämpfen.
Das Problem ist, dass die Kritiker selbst Gefahr laufen, das Kreuz politisch zu instrumentalisieren. Denn implizit sprechen sie den Politikern der CSU das Christsein ab. Der Subtext lautet: "Söder und die CSU stehen nicht für das, was wir unter Christentum verstehen, deswegen sind sie unglaubwürdig und haben kein Recht, sich auf das Kreuz zu beziehen. Das darf nur, wer unseren politischen Standpunkt vertritt." Pfarrer Hose ist übrigens Mitglied bei den Grünen.
Selbst, wenn man der begründeten Meinung ist, die CSU interpretiere das "C" irgendwie falsch, und man sich für eine andere Deutung des Christlichen stark macht, sollte man doch anerkennen, dass es nicht trivial ist, Christentum in Politik zu übersetzen und dass man da zu unterschiedlichen Schlüssen kommen kann.
Selbstverständlich ist das Kreuz für Christen viel mehr, als der Ausdruck einer kulturellen Identität und Bekenntnis zu Grundwerten. Es ist dies aber auch. Auch wer kein Christ ist, kann darin das Signal sehen, dass der Staat sich selbst nicht absolut setzt, indem er anerkennt, dass es über ihm Höheres und Unverfügbares gibt. Und er kann in ihm eine Information darüber erkennen, wovon Kultur, Gesellschaft und Staat hierzulande geprägt sind.
Kann man als Kirchenmensch wirklich gegen das Aufhängen von Kreuzen sein, nur weil die Initiative dafür von Markus Söder kommt? Was meinen Sie?

Freitag, 13. April 2018

Liturgie, Nächstenliebe und dieses verrückte Internet

Damit muss man zurechtkommen. Ich habe vor zwei Tagen zum ersten Mal einen "Standpunkt" auf katholisch.de geschrieben. Kurzfristig sollte ich für einen Kollegen einspringen, hatte einen Nachmittag Zeit und den Auftrag, zum gerade erschienen Papst-Schreiben "Gaudete et exsultate" über Heiligkeit einen Kommentar von 2.000 Zeichen zu tippen. Normalerweise arbeite ich für eine Monatszeitschrift, da hat man 10.000 Zeichen und mehr und kann zur Not wochenlang darüber nachdenken, was man schreiben will. Wieder Wochen später hört man dann vielleicht von jemandem, der das "ganz interessant" gefunden hat.
Anders bei einem Internetportal mit Hunderttausenden Visits im Monat. Morgens um Sieben ist die erste Nachricht auf meinem Mobiltelefon (lobend!), kurze Zeit später höre ich von Leuten, die sich wegen meines Standpunkts Sorgen um mich machen. Über Facebook kommen Hinweise auf Auslassungen und Interpretationsfehler, man moniert mangelnden Respekt gegenüber den Worten des Heiligen Vaters, zwischendurch erreichen mich auch immer wieder Nachrichten der Zustimmung und des Dankes. Auf der Facebook-Seite von katholisch.de schreibt jemand, dass Menschen wie ich die Leute von der Kirche wegtreiben. Meine Güte. Ich frage mich, ob die Kollegen von katholisch.de sich das alles durchlesen.
In dem Text hatte ich geschrieben, dass mir im Dokument des Papstes die Liturgie zu kurz kommt. Denn für das Zweite Vatikanische Konzil spielt der Gottesdienst die entscheidende Rolle für die Heiligung des Menschen (Sacrosanctum Concilium) bzw. die Berufung aller Christen zur Heiligkeit (Lumen Gentium).
"Gaudete et exsultate" betont dagegen stark die Bedeutung der aktiven Nächstenliebe. Dabei hängen Gottesdienst (Liturgia) und Dienst am Nächsten (Diakonia) eng miteinander zusammen. Irgendwie schien mir dieser Zusammenhang in dem Papier nicht wirklich klar zu werden. Statt dessen warnt der Papst in seiner langen Liste von Verurteilungen vor den selbstgerechten "Neopelagianern", die mit ihrer ostentativen Liturgiepflege auf dem Holzweg sind. Das fand ich nicht fair, weil ich meine, dass viel zu viele Gottesdienste einfach nur lieblos und wurschtig gefeiert werden und ein bisschen mehr Sorge um die Liturgie durchaus angemessen wäre.
Dass das Stichwort "Liturgie" nur in dieser Passage des Dokumentes vorkommt, finde ich schon bezeichnend. Das Thema freilich ist durchaus an verschiedenen Stellen präsent - aber meines Erachtens eben nicht den entscheidenden. Ein Beispiel: Die Feier der Messe wird in dem Schreiben in der Tat erwähnt, nämlich dort, wo es um den geistigen Kampf gegen den Satan geht. "Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf" heißt es da - und zwar gegen den Teufel, der uns davon abhalten will, heilig zu werden. Den Teufel darf man sich laut Franziskus nicht allzu symbolisch vorstellen. Es handelt sich vielmehr um ein "personales Wesen", "das uns bedrängt". In diesem Kampf gibt es für Franziskus verschiedene Waffen - und zu diesen Waffen gehört auch die Eucharistie:
"Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz."
Es mag ja sein, dass man die Liturgie auch als Waffe gegen den Teufel verstehen kann, aber sie ist ja doch vor allem und zuerst "Quelle und Höhepunkt" des ganzen kirchlichen Lebens, wie das Konzil lehrt.
Ist es in Ordnung, diese Beobachtungen zur Diskussion zu stellen? Es ist ja bemerkenswert, dass es überhaupt noch Leute gibt, die von Lehrschreiben des Papstes zu Debatten und Reflexionen angeregt werden. Die Frage ist, ob die Kommentarfunktion auf Websites und sozialen Netzwerken der einzige Ort sein sollten, an dem kirchliche und gesellschaftliche Diskussionen geführt werden. Ich finde nicht, denn vieles bleibt hier oberflächlich, auch aggressiv und polarisierend. Deswegen ist es ganz gut, dass es auch Monatszeitschriften gibt, die mehr Platz und mehr Zeit für Reflexionen bieten.
PS: Das findet der Papst übrigens auch. In Nr. 115 von "Gaudete et exsultate" schreibt er:
"Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren."

Mittwoch, 11. April 2018

Nachdenken über Führungspersönlichkeiten mit überraschendem Ausgang

Mose und Heiner Wilmer
Es ist ein Buch über eine Führungspersönlichkeit. Kein Manager-Ratgeber, sondern ein religiöses Buch. Es geht um Mose, wenn man so will die "Führungfigur" im alten Testament. Geschrieben hat der Werk mit dem Titel "Hunger nach Freiheit. Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen" Pater Heiner Wilmer, der bislang als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom gearbeitet hat. So war die Idee entstanden, das Mose-Buch vor der berühmten Mose-Statue von Michelangelo in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli zu präsentieren. Die Veranstaltung am Montag der Karwoche war sehr gut besucht. Was keiner der Teilnehmer ahnen konnte: Ein paar Tage nach Ostern ernannte ihn Papst Franziskus zum Bischof von Hildesheim. Nun kann er zeigen, was er von Mose in Sachen "Das Volk Gottes führen" gelernt hat. Bei der Buchvorstellung in Rom sagte Wilmer:
"Eine Führungspersönlichkeit ist jemand, der Menschen befähigt, etwas zu tun, das sie nie tun würden, wenn man es ihnen befiehlt."
Annette Schavan und Mose
Vorgestellt wurde das Buch von Annette Schavan, die (noch) als Botschafterin der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl in Rom tätig ist. Sie hatte San Pietro in Vincoli schon mehrfach als ihren Lieblingsort in Rom bezeichnet. 2016 erzählte sie meiner Kollegin Claudia Keller, die damals noch beim Tagesspiegel war:
"Da sitzt der weise Führer, der sein Volk durch die Wüste bringt – und muss mit ansehen, wie dieses Volk ums goldene Kalb tanzt. Man sieht ihm das Entsetzen an, doch er bleibt äußerlich ganz ruhig." 
Eine Choralschola des Pontificio Istituto di Musica Sacra sang dazu zwei gregorianische Gesänge: Das Canticum "Cantemus Domino" aus Exodus 15, das in der Osternacht gesungen wird, und das Offertorium "Precatus est Moyses" aus Exodus 32. In "Precatus est Moyses" heißt es:
"Mose betete vor dem Angesicht des Herrn, seines Gottes, und sprach: Warum, Herr, zürnst du gegen dein Volk? Mäßige den Zorn deines Herzens."

Und in "Cantemus Domino" hören wir Mose nach dem Durchzug durch das Rote Meer singen:
"Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer."
Lernen von Chorälen
Man könnte also sagen: Eine Führungspersönlichkeit, zumal ein Bischof, die sich an Mose orientiert, vertraut nicht auf ihre eigenen Kräfte. Es ist der Herr, der das Volk aus Ägypten und das Rote Meer geführt hat. Dafür singt Mose ihm Lob. Und er betet für das Volk. In diesem Sinne, lieber Pater Wilmer: Guten Start als Bischof in Hildesheim!



Dienstag, 13. März 2018

Papstfilme - von Luis Trenker bis Wim Wenders

Bei Radio V…, äh Vatican News ist ein Trailer zum Film "Pope Francis – A Man Of His Word" des deutschen Regisseurs Wim Wenders zu sehen, der in Deutschland um 14. Juni ins Kino kommt. Pressevorführungen in Berlin, Hamburg und München sollen demnächst stattfinden.
Vatican News schreibt: "Papst Franziskus selbst wird sich in dem Film direkt an die Zuschauer wenden und seine Geschichte erzählen. Mit Unterstützung des Vatikans konnte der deutsche Filmregisseur Wenders bei der Vorbereitung des Films mehrere lange Gespräche mit dem Papst führen, Einblick in die Archive nehmen und exklusives Bildmaterial verwenden. In dem Film wird der Papst über seine Lieblingsthemen wie ökologische Verantwortung, Migration, Konsum und soziale Gerechtigkeit sprechen."
"Zum ersten Mal in der Geschichte" öffne der Papst für ein solches Projekt die Türen, heißt es in einem englischsprachigen Trailer des Films. Das stimmt nicht ganz. In den Vierzigerjahren entstand „Pastor Angelicus“, ein Propagandafilm, der anlässlich des 25. Jubiläums der Bischofsweihe von Papst Pius XII. produziert und 1943 veröffentlicht wurde.
In einem Essay für die Herder Korrespondenz habe ich mich schon in letzten Sommer mit den beiden Filmprojekten beschäftigt. Als Regisseur für "Pastor Angelicus" wurde damals Luis Trenker engagiert, der kurz zuvor bei den Nazis in Ungnade gefallen war und nun eine Anschlussverwendung in Italien brauchte. Der Film blickt zurück auf den Werdegang des Papstes und zeigt sein Wirken: Audienzen für Abgesandte aus fernen Ländern, Ansprachen an Arbeiter, der Papst im Gespräch mit Kommunionkindern, schließlich seine Begegnung mit Kriegsversehrten. Im Mittelpunkt des Films steht die Friedensbotschaft des Papstes. Aber die erwünschte Breitenwirkung kam nicht zustande. Die Verbreitung mitten im Zweiten Weltkrieg erwies sich als schwierig, auch wirkte Pius XII. eher entrückt und abgehoben. In Deutschland konnte der Film ohnehin nicht gezeigt werden.
Mit solchen Widrigkeiten muss bei "Pope Francis – A Man Of His Word" nicht gerechnet werden. Hinter dem Projekt steht der neue starke Mann der vatikanischen Medienaktivitäten, Dario Viganò. Der italienische Priester war seit 2013 Direktor des vatikanischen Fernsehzentrums „Centro Televisivo Vaticano“ (CTV) und wurde Mitte 2015 zum Präfekten des neu gegründeten Kommunikationssekretariates ernannt, in dem im Rahmen der Kurienreform die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Heiligen Stuhls gebündelt werden soll. Dario Viganò gilt seit seiner Promotion in den Neunzigerjahren über "Kirche und Kino" als Filmexperte. Bei den Filmfestspielen in Venedig 2003 traf er erstmals mit Wim Wenders zusammen, wo er ihm den katholischen "Premio Robert Bresson" überreichte.
Wenders erhielt bereits in den Neunzigerjahren eine theologische Ehrendoktorwürde der Universität Fribourg. Spirituelle und religiöse Themen spielten in Wenders’ Werk schon immer eine wichtige Rolle. Zu seinen großen Erfolgen zählt der Film "Der Himmel über Berlin" von 1987, dessen Protagonisten zwei Engel sind, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander. Nun hilft Wenders, Franziskus ins Kino zu bringen.
Dass Wenders' Film, genauso wie sein Vorläufer aus den Vierzigerjahren, nicht ganz ohne Pathos auskommt, lassen die Trailer bereits erahnen...

Samstag, 24. Februar 2018

Die Wahrheit liegt nicht unbedingt in der Mitte

Bei den kirchlichen Lockerungsübungen in Moral und Sakramentendisziplin, die wir in letzter Zeit erleben - aber auch in anderen theologischen Debatten - ist häufig zu hören, der eigene Standpunkt werde wohl von zwei Seiten kritisiert werden - von denjenigen, denen er "nicht weit genug" gehe, und von denjenigen, denen er "zu weit" gehe. Welche Funktion hat diese Feststellung?
Sie dient dem Sprecher dazu, sich gleichsam in einem sicheren Mittelfeld zu positionieren. Er sagt den Zuhörern oder Lesern: Seht her, ich vermeide die Extreme. Ich werde von beiden Seiten kritisiert. Und liegt die Wahrheit nicht stets in der Mitte?
Deswegen ist diese Sprachfigur heute bei Bischöfen so beliebt, heißt es doch oft bei den aussichtsreichsten Kandidaten für dieses Amt, sie seien ein "Mann der Mitte".
In einer Situation der zunehmenden innerkirchlichen Polarisierung mag das als sichere Position erscheinen. Sie maßt sich sogar auch noch etwas Mutiges an, weil man doch bereit sei, für gleich zwei Gruppen "unbequem" zu sein. Gleichzeitig spekuliert sie aber doch darauf, dass sich - entsprechend der Gauß'schen Normalverteilung - die meisten Adressaten ebenfalls im Mittelfeld befinden, man also letztlich die freundlich nickende Mehrheit hinter sich hat.
Abgesehen von der Frage, wodurch eigentlich die Endpunkte eines solchen Kontinuums definiert werden, und abgesehen von der Tatsache, dass sie sich offensichtlich auch verschieben können, sodass man die eigene Position irgendwann weiter korrigieren muss, um immer noch in der Mitte zu liegen: Das eigentliche Problem ist, dass eine Aussage nicht dadurch wahr wird, dass sie in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt.
Wenn bei einer Parteiveranstaltung hundert Personen anwesend sind, und ein Beobachter die Anzahl auf zweihundert und der andere auf dreihundert schätzt, dann liegt trotzdem der dritte Beobachter falsch, der die mittlere These vertritt, es seien zweihundertfünfzig Besucher im Raum.
Benedikt Göcke hat gerade in der Herder Korrepondenz an einen interessanten Satz des Philosophen Wolfgang Cramer erinnert, dem zufolge Argumente nicht "durch das Faktum einer allgemein verbreiteten Denkweise widerlegt werden" könnten. Ansonsten könne man "die Lösung philosophischer Fragen den Instituten für Meinungsforschung übergeben."
In der Religion und in der Moral geht es um Wahrheit. Und die lässt sich nicht per Mehrheitsbeschluss oder Normalverteilung finden.
Aber vielleicht ist das ja jetzt schon eine Extremposition...?