Mittwoch, 25. April 2018

Kirchenleute gegen Kreuze

In hoc signo vinces.
Das ist schon kurios. Die bayrisches Staatsregierung unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beschließt, dass hinfort in allen Dienststellen des Freistaats Bayern Kreuze aufgehängt werden sollen, und Kritik kommt von... Kirchenvertretern. Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose schreibt in einem "offenen Brief" auf Facebook:
"Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden. In unserer Wahrnehmung wird das Christentum zunehmend von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben. Über diese Entwicklung bin ich gemeinsam mit vielen anderen sehr besorgt. Ich bitte Sie eindringlich: Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam."
 Der Bochumer Theologieprofessor Georg Essen ließ über Twitter wissen:
"Ich sage das jetzt mal als gläubiger Katholik und Theologe mit Kreuz im Arbeitszimmer: Für mich ist diese politische Instrumentalisierung durch Söder Blasphemie, theologisch eine Häresie und verfassungsrechtlich nur schwer erträglich."
Und der katholische Autor Andreas Püttmann teilte über den Kurznachrichtendienst mit:
"Ich freue mich über jedes Kreuz im öffentlichen Raum, als Botschaft selbstloser Liebe, höherer Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindender Hoffnung, als Vermächtnis von Generationen. Als trotzig installierter Identitätsmarker, Kampfansage und Wahlkampfgag verliert es all das."
Laut der Staatsregierung ist das Kreuz "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland". Söder bezeichnete es als "grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung". Es verstoße darum nicht gegen das Neutralitätsgebot.
Aufgrund dieser Aussagen heißt es nun, der Ministerpräsident instrumentalisiere das Kreuz, er missbrauche es gar als Signal von "Ausgrenzung". Das kann man ja so sehen. Aber trotzdem ist es doch merkwürdig, wenn Kirchenleute jetzt gegen mehr Kreuze in der Öffentlichkeit kämpfen.
Das Problem ist, dass die Kritiker selbst Gefahr laufen, das Kreuz politisch zu instrumentalisieren. Denn implizit sprechen sie den Politikern der CSU das Christsein ab. Der Subtext lautet: "Söder und die CSU stehen nicht für das, was wir unter Christentum verstehen, deswegen sind sie unglaubwürdig und haben kein Recht, sich auf das Kreuz zu beziehen. Das darf nur, wer unseren politischen Standpunkt vertritt." Pfarrer Hose ist übrigens Mitglied bei den Grünen.
Selbst, wenn man der begründeten Meinung ist, die CSU interpretiere das "C" irgendwie falsch, und man sich für eine andere Deutung des Christlichen stark macht, sollte man doch anerkennen, dass es nicht trivial ist, Christentum in Politik zu übersetzen und dass man da zu unterschiedlichen Schlüssen kommen kann.
Selbstverständlich ist das Kreuz für Christen viel mehr, als der Ausdruck einer kulturellen Identität und Bekenntnis zu Grundwerten. Es ist dies aber auch. Auch wer kein Christ ist, kann darin das Signal sehen, dass der Staat sich selbst nicht absolut setzt, indem er anerkennt, dass es über ihm Höheres und Unverfügbares gibt. Und er kann in ihm eine Information darüber erkennen, wovon Kultur, Gesellschaft und Staat hierzulande geprägt sind.
Kann man als Kirchenmensch wirklich gegen das Aufhängen von Kreuzen sein, nur weil die Initiative dafür von Markus Söder kommt? Was meinen Sie?

Freitag, 13. April 2018

Liturgie, Nächstenliebe und dieses verrückte Internet

Damit muss man zurechtkommen. Ich habe vor zwei Tagen zum ersten Mal einen "Standpunkt" auf katholisch.de geschrieben. Kurzfristig sollte ich für einen Kollegen einspringen, hatte einen Nachmittag Zeit und den Auftrag, zum gerade erschienen Papst-Schreiben "Gaudete et exsultate" über Heiligkeit einen Kommentar von 2.000 Zeichen zu tippen. Normalerweise arbeite ich für eine Monatszeitschrift, da hat man 10.000 Zeichen und mehr und kann zur Not wochenlang darüber nachdenken, was man schreiben will. Wieder Wochen später hört man dann vielleicht von jemandem, der das "ganz interessant" gefunden hat.
Anders bei einem Internetportal mit Hunderttausenden Visits im Monat. Morgens um Sieben ist die erste Nachricht auf meinem Mobiltelefon (lobend!), kurze Zeit später höre ich von Leuten, die sich wegen meines Standpunkts Sorgen um mich machen. Über Facebook kommen Hinweise auf Auslassungen und Interpretationsfehler, man moniert mangelnden Respekt gegenüber den Worten des Heiligen Vaters, zwischendurch erreichen mich auch immer wieder Nachrichten der Zustimmung und des Dankes. Auf der Facebook-Seite von katholisch.de schreibt jemand, dass Menschen wie ich die Leute von der Kirche wegtreiben. Meine Güte. Ich frage mich, ob die Kollegen von katholisch.de sich das alles durchlesen.
In dem Text hatte ich geschrieben, dass mir im Dokument des Papstes die Liturgie zu kurz kommt. Denn für das Zweite Vatikanische Konzil spielt der Gottesdienst die entscheidende Rolle für die Heiligung des Menschen (Sacrosanctum Concilium) bzw. die Berufung aller Christen zur Heiligkeit (Lumen Gentium).
"Gaudete et exsultate" betont dagegen stark die Bedeutung der aktiven Nächstenliebe. Dabei hängen Gottesdienst (Liturgia) und Dienst am Nächsten (Diakonia) eng miteinander zusammen. Irgendwie schien mir dieser Zusammenhang in dem Papier nicht wirklich klar zu werden. Statt dessen warnt der Papst in seiner langen Liste von Verurteilungen vor den selbstgerechten "Neopelagianern", die mit ihrer ostentativen Liturgiepflege auf dem Holzweg sind. Das fand ich nicht fair, weil ich meine, dass viel zu viele Gottesdienste einfach nur lieblos und wurschtig gefeiert werden und ein bisschen mehr Sorge um die Liturgie durchaus angemessen wäre.
Dass das Stichwort "Liturgie" nur in dieser Passage des Dokumentes vorkommt, finde ich schon bezeichnend. Das Thema freilich ist durchaus an verschiedenen Stellen präsent - aber meines Erachtens eben nicht den entscheidenden. Ein Beispiel: Die Feier der Messe wird in dem Schreiben in der Tat erwähnt, nämlich dort, wo es um den geistigen Kampf gegen den Satan geht. "Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf" heißt es da - und zwar gegen den Teufel, der uns davon abhalten will, heilig zu werden. Den Teufel darf man sich laut Franziskus nicht allzu symbolisch vorstellen. Es handelt sich vielmehr um ein "personales Wesen", "das uns bedrängt". In diesem Kampf gibt es für Franziskus verschiedene Waffen - und zu diesen Waffen gehört auch die Eucharistie:
"Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz."
Es mag ja sein, dass man die Liturgie auch als Waffe gegen den Teufel verstehen kann, aber sie ist ja doch vor allem und zuerst "Quelle und Höhepunkt" des ganzen kirchlichen Lebens, wie das Konzil lehrt.
Ist es in Ordnung, diese Beobachtungen zur Diskussion zu stellen? Es ist ja bemerkenswert, dass es überhaupt noch Leute gibt, die von Lehrschreiben des Papstes zu Debatten und Reflexionen angeregt werden. Die Frage ist, ob die Kommentarfunktion auf Websites und sozialen Netzwerken der einzige Ort sein sollten, an dem kirchliche und gesellschaftliche Diskussionen geführt werden. Ich finde nicht, denn vieles bleibt hier oberflächlich, auch aggressiv und polarisierend. Deswegen ist es ganz gut, dass es auch Monatszeitschriften gibt, die mehr Platz und mehr Zeit für Reflexionen bieten.
PS: Das findet der Papst übrigens auch. In Nr. 115 von "Gaudete et exsultate" schreibt er:
"Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren."

Mittwoch, 11. April 2018

Nachdenken über Führungspersönlichkeiten mit überraschendem Ausgang

Mose und Heiner Wilmer
Es ist ein Buch über eine Führungspersönlichkeit. Kein Manager-Ratgeber, sondern ein religiöses Buch. Es geht um Mose, wenn man so will die "Führungfigur" im alten Testament. Geschrieben hat der Werk mit dem Titel "Hunger nach Freiheit. Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen" Pater Heiner Wilmer, der bislang als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom gearbeitet hat. So war die Idee entstanden, das Mose-Buch vor der berühmten Mose-Statue von Michelangelo in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli zu präsentieren. Die Veranstaltung am Montag der Karwoche war sehr gut besucht. Was keiner der Teilnehmer ahnen konnte: Ein paar Tage nach Ostern ernannte ihn Papst Franziskus zum Bischof von Hildesheim. Nun kann er zeigen, was er von Mose in Sachen "Das Volk Gottes führen" gelernt hat. Bei der Buchvorstellung in Rom sagte Wilmer:
"Eine Führungspersönlichkeit ist jemand, der Menschen befähigt, etwas zu tun, das sie nie tun würden, wenn man es ihnen befiehlt."
Annette Schavan und Mose
Vorgestellt wurde das Buch von Annette Schavan, die (noch) als Botschafterin der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl in Rom tätig ist. Sie hatte San Pietro in Vincoli schon mehrfach als ihren Lieblingsort in Rom bezeichnet. 2016 erzählte sie meiner Kollegin Claudia Keller, die damals noch beim Tagesspiegel war:
"Da sitzt der weise Führer, der sein Volk durch die Wüste bringt – und muss mit ansehen, wie dieses Volk ums goldene Kalb tanzt. Man sieht ihm das Entsetzen an, doch er bleibt äußerlich ganz ruhig." 
Eine Choralschola des Pontificio Istituto di Musica Sacra sang dazu zwei gregorianische Gesänge: Das Canticum "Cantemus Domino" aus Exodus 15, das in der Osternacht gesungen wird, und das Offertorium "Precatus est Moyses" aus Exodus 32. In "Precatus est Moyses" heißt es:
"Mose betete vor dem Angesicht des Herrn, seines Gottes, und sprach: Warum, Herr, zürnst du gegen dein Volk? Mäßige den Zorn deines Herzens."

Und in "Cantemus Domino" hören wir Mose nach dem Durchzug durch das Rote Meer singen:
"Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer."
Lernen von Chorälen
Man könnte also sagen: Eine Führungspersönlichkeit, zumal ein Bischof, die sich an Mose orientiert, vertraut nicht auf ihre eigenen Kräfte. Es ist der Herr, der das Volk aus Ägypten und das Rote Meer geführt hat. Dafür singt Mose ihm Lob. Und er betet für das Volk. In diesem Sinne, lieber Pater Wilmer: Guten Start als Bischof in Hildesheim!



Dienstag, 13. März 2018

Papstfilme - von Luis Trenker bis Wim Wenders

Bei Radio V…, äh Vatican News ist ein Trailer zum Film "Pope Francis – A Man Of His Word" des deutschen Regisseurs Wim Wenders zu sehen, der in Deutschland um 14. Juni ins Kino kommt. Pressevorführungen in Berlin, Hamburg und München sollen demnächst stattfinden.
Vatican News schreibt: "Papst Franziskus selbst wird sich in dem Film direkt an die Zuschauer wenden und seine Geschichte erzählen. Mit Unterstützung des Vatikans konnte der deutsche Filmregisseur Wenders bei der Vorbereitung des Films mehrere lange Gespräche mit dem Papst führen, Einblick in die Archive nehmen und exklusives Bildmaterial verwenden. In dem Film wird der Papst über seine Lieblingsthemen wie ökologische Verantwortung, Migration, Konsum und soziale Gerechtigkeit sprechen."
"Zum ersten Mal in der Geschichte" öffne der Papst für ein solches Projekt die Türen, heißt es in einem englischsprachigen Trailer des Films. Das stimmt nicht ganz. In den Vierzigerjahren entstand „Pastor Angelicus“, ein Propagandafilm, der anlässlich des 25. Jubiläums der Bischofsweihe von Papst Pius XII. produziert und 1943 veröffentlicht wurde.
In einem Essay für die Herder Korrespondenz habe ich mich schon in letzten Sommer mit den beiden Filmprojekten beschäftigt. Als Regisseur für "Pastor Angelicus" wurde damals Luis Trenker engagiert, der kurz zuvor bei den Nazis in Ungnade gefallen war und nun eine Anschlussverwendung in Italien brauchte. Der Film blickt zurück auf den Werdegang des Papstes und zeigt sein Wirken: Audienzen für Abgesandte aus fernen Ländern, Ansprachen an Arbeiter, der Papst im Gespräch mit Kommunionkindern, schließlich seine Begegnung mit Kriegsversehrten. Im Mittelpunkt des Films steht die Friedensbotschaft des Papstes. Aber die erwünschte Breitenwirkung kam nicht zustande. Die Verbreitung mitten im Zweiten Weltkrieg erwies sich als schwierig, auch wirkte Pius XII. eher entrückt und abgehoben. In Deutschland konnte der Film ohnehin nicht gezeigt werden.
Mit solchen Widrigkeiten muss bei "Pope Francis – A Man Of His Word" nicht gerechnet werden. Hinter dem Projekt steht der neue starke Mann der vatikanischen Medienaktivitäten, Dario Viganò. Der italienische Priester war seit 2013 Direktor des vatikanischen Fernsehzentrums „Centro Televisivo Vaticano“ (CTV) und wurde Mitte 2015 zum Präfekten des neu gegründeten Kommunikationssekretariates ernannt, in dem im Rahmen der Kurienreform die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Heiligen Stuhls gebündelt werden soll. Dario Viganò gilt seit seiner Promotion in den Neunzigerjahren über "Kirche und Kino" als Filmexperte. Bei den Filmfestspielen in Venedig 2003 traf er erstmals mit Wim Wenders zusammen, wo er ihm den katholischen "Premio Robert Bresson" überreichte.
Wenders erhielt bereits in den Neunzigerjahren eine theologische Ehrendoktorwürde der Universität Fribourg. Spirituelle und religiöse Themen spielten in Wenders’ Werk schon immer eine wichtige Rolle. Zu seinen großen Erfolgen zählt der Film "Der Himmel über Berlin" von 1987, dessen Protagonisten zwei Engel sind, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander. Nun hilft Wenders, Franziskus ins Kino zu bringen.
Dass Wenders' Film, genauso wie sein Vorläufer aus den Vierzigerjahren, nicht ganz ohne Pathos auskommt, lassen die Trailer bereits erahnen...

Samstag, 24. Februar 2018

Die Wahrheit liegt nicht unbedingt in der Mitte

Bei den kirchlichen Lockerungsübungen in Moral und Sakramentendisziplin, die wir in letzter Zeit erleben - aber auch in anderen theologischen Debatten - ist häufig zu hören, der eigene Standpunkt werde wohl von zwei Seiten kritisiert werden - von denjenigen, denen er "nicht weit genug" gehe, und von denjenigen, denen er "zu weit" gehe. Welche Funktion hat diese Feststellung?
Sie dient dem Sprecher dazu, sich gleichsam in einem sicheren Mittelfeld zu positionieren. Er sagt den Zuhörern oder Lesern: Seht her, ich vermeide die Extreme. Ich werde von beiden Seiten kritisiert. Und liegt die Wahrheit nicht stets in der Mitte?
Deswegen ist diese Sprachfigur heute bei Bischöfen so beliebt, heißt es doch oft bei den aussichtsreichsten Kandidaten für dieses Amt, sie seien ein "Mann der Mitte".
In einer Situation der zunehmenden innerkirchlichen Polarisierung mag das als sichere Position erscheinen. Sie maßt sich sogar auch noch etwas Mutiges an, weil man doch bereit sei, für gleich zwei Gruppen "unbequem" zu sein. Gleichzeitig spekuliert sie aber doch darauf, dass sich - entsprechend der Gauß'schen Normalverteilung - die meisten Adressaten ebenfalls im Mittelfeld befinden, man also letztlich die freundlich nickende Mehrheit hinter sich hat.
Abgesehen von der Frage, wodurch eigentlich die Endpunkte eines solchen Kontinuums definiert werden, und abgesehen von der Tatsache, dass sie sich offensichtlich auch verschieben können, sodass man die eigene Position irgendwann weiter korrigieren muss, um immer noch in der Mitte zu liegen: Das eigentliche Problem ist, dass eine Aussage nicht dadurch wahr wird, dass sie in der Mitte zwischen zwei Extremen liegt.
Wenn bei einer Parteiveranstaltung hundert Personen anwesend sind, und ein Beobachter die Anzahl auf zweihundert und der andere auf dreihundert schätzt, dann liegt trotzdem der dritte Beobachter falsch, der die mittlere These vertritt, es seien zweihundertfünfzig Besucher im Raum.
Benedikt Göcke hat gerade in der Herder Korrepondenz an einen interessanten Satz des Philosophen Wolfgang Cramer erinnert, dem zufolge Argumente nicht "durch das Faktum einer allgemein verbreiteten Denkweise widerlegt werden" könnten. Ansonsten könne man "die Lösung philosophischer Fragen den Instituten für Meinungsforschung übergeben."
In der Religion und in der Moral geht es um Wahrheit. Und die lässt sich nicht per Mehrheitsbeschluss oder Normalverteilung finden.
Aber vielleicht ist das ja jetzt schon eine Extremposition...?

Dienstag, 20. Februar 2018

Totaler Gehorsam bereitet psychische Schwierigkeiten

Das Erste Vatikanische Konzil
Der Papst hat den Rücktritt von Bischof Peter Ebere Okpaleke von Ahiara in Nigeria angenommen und einen Nachbarbischof als Apostolischen Administrator eingesetzt - so lautete gestern die dünne Mitteilung im Bulletin des vatikanischen Pressesaals. Dort werden nahezu jeden Tag "Rücktritte und Ernennungen" mitgeteilt. Doch diese spezielle Meldung hat es in sich. Ich habe im vergangenen Sommer für die Herder Korrespondenz den Fall der Diözese Ahiara kommentiert.
Papst Benedikt XVI. hatte Okpaleke 2012 zum Bischof von Ahiara im Süden Nigerias ernannt. Die Bevölkerung dort gehört zur Ethnie der Mbaise. Das Bistum im Bundesstaat Imo hat einen Katholikenanteil von 77 Prozent und ist damit eine der katholischsten Gegenden Nigerias. Bischof Okpaleke stammte allerdings aus dem benachbarten Bistum Awka im Bundesstaat Anambra und war kein Mbaise. Die Ernennung eines auswärtigen Bischofs wurde von einem Großteil des Klerus und der Gläubigen schlecht aufgenommen. Es kam zu heftigen Protesten. Demonstranten blockierten die Kathedrale, sodass schon die Bischofsweihe im benachbarten Erzbistum Owerri stattfinden musste. Seitdem war es dem Bischof nicht gelungen, seine neue Diözese in Besitz zu nehmen.
Im Sommer 2017 hatte sich schließlich Franziskus des Problems angenommen und diejenigen, die hinter dem Bischof stehen, sowie die gegnerische Partei eingeladen, jeweils fünf Vertreter für eine Audienz in Rom zu entsenden. Doch die Gegner blieben zuhause; nur die Seite des Bischofs war angereist. Ihnen teilte Franziskus seine Entscheidung in dem Konflikt mit: Alle Kleriker der Diözese mussten dem Papst innerhalb eines Monats einen persönlichen Brief schreiben. Darin sollten sie ihn um Verzeihung bitten, ihren "totalen Gehorsam" versprechen und zusagen, jeden Bischof zu akzeptieren, den der Papst sendet und ernennt. Wer das nicht tue, verliere seine Stelle verlieren und werde a divinis suspendiert.
Dieses Vorgehen, so schrieb ich damals, zeuge von einem Amtsverständnis, das ganz dem Ersten Vatikanischen Konzil entspreche. Das war natürlich frech - ich wollte damit ein bisschen den Eindruck stören, Franziskus sei der Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils.
"Spätestens jetzt muss jedem klar sein: Wenn es Papst Franziskus auf etwas ankommt, ann wird er 'totalen Gehorsam' fordern. Er weiß ganz genau, was das Erste Vatikanische Konzil in seiner dogmatischen Konstitution 'Pastor Aeternus' gelehrt hat: dass der Nachfolger Petri die 'Vollgewalt' innehat, 'die gesamte Kirche zu weiden, zu regieren und zu leiten' und dass die Gläubigen und die Hirten ihm 'zu hierarchischer Unterordnung und zu wahrem Gehorsam verpflichtet' sind, und zwar 'nicht nur in Fragen des Glaubens und des sittlichen Lebens, sondern auch in allem, was zur Disziplin und zur Regierung der Kirche auf dem ganzen Erdenrund gehört'. Papst Franziskus ist der erste Papst, der 'Pastor Aeternus' in einer Ansprache zitiert hat. Als es bei den beiden römischen Familiensynoden 2014 und 2015 zu unerwarteten Widerständen vonseiten einiger Bischöfe und Kardinäle gegen die Agenda von Papst Franziskus kam, sagte er in seiner Ansprache zum fünfzigjährigen Bestehen der Bischofssynode, der 'synodale Weg' gipfele 'im Hören auf den Bischof von Rom, der gerufen ist, als 'Hirte und Lehrer aller Christen' zu sprechen'. Das war ein gezielt eingesetztes direktes Zitat aus 'Pastor Aeternus'. Der Papst kann sich beraten lassen, er kann auf Gläubige und Bischöfe hören. Aber am Ende haben sie auf ihn zu hören."
Die Meldung aus dem Bulletin des Vatikans zeigt: Die Strategie des "totalen Gehorsams" hat offensichtlich nicht so richtig funktioniert. Vatican News berichtete dann gestern Nachmittag, es seien tatsächlich zahlreiche Briefe von Klerikern bei Franziskus eingetroffen, in denen auch viele ihre Reue zum Ausdruck gebracht, jedoch auch angemerkt hätten, "dass eine Zusammenarbeit mit Okpaleke nach den mittlerweile fünf Jahren des Konfliktes 'psychologische Schwierigkeiten' mit sich bringe."
Was lernen wir daraus?

Montag, 29. Januar 2018

Scheich und Scholastik

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, in Rom Großscheich Ahmad Muhammad Al-Tayyeb zu interviewen. Das Gespräch ist soeben in der Februar-Ausgabe der Herder Korrespondenz erschienen. Der Scheich ist eine der wichtigsten Autoritäten im sunnitischen Islam, denn er ist der Leiter der Al-Azhar. Dabei handelt es sich um eine Institution, die vom ägyptischen Staat unterhalten wird; sie umfasst die "Akademie für islamische Untersuchungen", also ein sunnitisches Gelehrtengremium, die gleichnamige Moschee sowie eine riesige Universität mit hunderttausenden von Studenten und Standorten in ganz Ägypten.
Ich habe lange zittern müssen, ob das Gespräch wirklich zustande kommt. Geholfen haben die Mitarbeiter der Gemeinschaft Sant'Egidio in Rom. Hier nahm Al-Tayyeb an einer Dialogveranstaltung teil, die Sant'Egidio in Kooperation mit "missio" veranstaltete. Nach längerem Hin und Her erfuhr ich schließlich per SMS Treffpunkt und Uhrzeit. Ich musste dann noch einen Dolmetscher organisieren und traf den Scheich - samt Entourage - in der Lobby eines römischen Hotels.
Offizielle Vertreter des Islam werden hierzulande fast nur zum Thema Terrorismus befragt und geraten dadurch von Anfang an in eine Verteidigungshaltung. Die Interviews haben dadurch meist etwas ziemlich Gereiztes. Ich habe einen anderen Einstieg versucht und den Scheich auf den Atheismus angesprochen. Meine Frage: Wie sollte man einem Nichtgläubigen gegenüber von Gott sprechen? Der Scheich hat dann verschiedene Wege der natürlichen Gotteserkenntnis angerissen, die bemerkenswerterweise genau die gleichen sind, die auch die christlichen Philosophen der Scholastik verwendet haben.
Der Glaube, so der Scheich, ist im Menschen quasi instinktiv eingegeben, wie ein Same, der "aufgehen und wachsen" muss. Bleibt der Mensch von störenden Einflüssen unberührt, kommt er ganz von selbst auf den Gottesgedanken, er ist von sich aus in der Lage, Gott mit den Mitteln der Vernunft zu erkennen. Der Unglaube und der Atheismus sind für Al-Tayyeb das Ergebnis "eines intellektuellen und kulturellen Umfeldes, das die Religion verdunkelt". Diesen Schleier gilt es, wegzuziehen. So lehrt es im Übrigen auch das Erste Vatikanische Konzil.
Erst im Anschluss an diese Gedanken habe ich das Gespräch dann auf das Thema der Gewalt gelenkt und den Scheich gefragt, woher wir denn wissen, dass Gott nicht vielleicht wirklich wünscht, dass wir seinen Willen in der Welt mit Gewalt durchsetzen...