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Donnerstag, 27. September 2018

Zitiert werden

Das wünschen sich alle Journalisten: Zitiert zu werden, dass andere Medien die eigenen Texte aufgreifen, den eigenen Namen nennen. Man kommt sich relevant vor, gilt als Experte. Einerseits. Anderererseits hat man nicht in der Hand, von wem man zitiert wird und ob man überhaupt richtig zitiert wird. So kann aus einem eher trockenen Bericht ein reißerischer Report werden.
Ein bekanntes konservatives Internetportal aus Linz beispielsweise hat einen Text über Papst Franziskus und die Missbrauchskrise entdeckt, den ich für die Herder Korrespondenz geschrieben habe. Schaut man sich die Zusammenfassung meines Beitrages an, sieht man, wie sich die Darstellung der Sachverhalte und ihre Bewertungen leicht verschieben.
In meinem Artikel schreibe ich beispielsweise:
So ergibt sich ein ambivalentes Bild: Der Papst stellt sich dem Problem, ist auch imstande, durchzugreifen, trifft sich regelmäßig mit Missbrauchsopfern. Gleichzeitig schaut er in Einzelfällen weg und zeigt sich „beratungsresistent“. Zuletzt behauptete eine französische Fernsehdokumentation, Franziskus habe als Erzbischof von Buenos Aires versucht, die Justiz zu beeinflussen, um den pädophilen Priester Julio César Grassi zu schützen.
Die Kollegen machen daraus Folgendes:
Für die Herder-Korrespondenz ergibt sich daher ein sehr ambivalentes Bild von Franziskus im Missbrauch-Kontext. Dieser stelle sich zwar dem Problem, treffe sich regelmäßig mit Missbrauchsopfern und greife auch ab und zu durch. Gleichzeitig schaue er aber laut der Zeitung in Einzelfällen weg und zeige sich „beratungsresistent“. Leven erinnert auch an die französisch-deutsche Fernsehdokumentation, die nachgewiesen hat, dass Franziskus habe als Erzbischof von Buenos Aires versucht habe, die Justiz zu beeinflussen, um einen pädophilen Priester zu schützen.
Klingt erstmal so ähnlich. Aber wenn man genau hinschaut, entdeckt man die Veränderungen. Aus "ambivalentes Bild" wird "sehr ambivalentes Bild". Aus "stellt sich dem Problem" wird "stellt sich zwar dem Problem". Aus "ist auch imstande, durchzugreifen" wird "greife auch ab und zu durch". Und aus "behauptet" wird "nachgewiesen".
Das ist schade, denn in einem solchen Text wählt man seine Worte mit Bedacht - gerade, wenn es um ein so heikles Thema geht.

PS: Die von mir monierten Formulierungen wurden inzwischen geändert.

Freitag, 7. September 2018

Wenn Vertuschung scheitert

Im Jahr 2010 wurde bekannt, dass der damals noch amtierende Bischof von Brügge, Roger Vangheluwe (geboren 1936) jahrelang seinen Neffen missbraucht hatte. Am 23. April 2010 bot Vangheluwe dem Papst seinen Rücktritt an, den dieser eine Stunde später (!) annahm. Am selben Tag sagte der emeritierte Erzbischof von Mechelen-Brüssel und ehemalige Primas von Belgien, Godfried Kardinal Danneels: "Es hat von meiner Seite noch nicht einmal den Anschein eines Versuches gegeben, die Angelegenheit zu vertuschen oder den Mantel der Geheimhaltung darüber zu breiten."
Dem Rücktritt war ein Gespräch zwischen Vangheluwe, dem Opfer, seiner Familie und Kardinal Danneels in einer Abtei vorangegangen. Am 28. August 2010 publizierte die belgische Zeitung "De Standaard" die Mitschrift dieses Gespräches, das heimlich aufgenommen worden war. Es dokumentiert, mit welcher Perfidie Kardinal Danneels damals versuchte, die Tat seines Amtsbruders zu vertuschen und das Opfer zum Schweigen zu bringen.
Der Betroffene, Mark Vangheluwe, hat sich im vergangenen Jahr in einem Buch mit seinen Erfahrungen auseinandergesetzt. Er schrieb einen "Brief an den Papst" (Brief aan de Paus, Uitgeverij De Bezige Bij, Amsterdam/Antwerpen 2017). Hier schildert er seine jahrelangen Versuche, den Onkel dazu zu bringen, seine Schuld einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen. Am Ende dieser Entwicklung stand das Gespräch vom April 2010. Roger Vangheluwe war in die Enge getrieben. Nun setzte er auf Danneels, der für ihn wohl einen letzten Versuch starten sollte, für ihn die Kohlen aus dem Feuer zu holen.
Angesichts der aktuellen Diskussionen fand ich es interessant, sich dieses Dokument einmal näher anzuschauen. Ich habe die Gesprächsabschrift aus dem Flämischen übersetzt und mit Kommentaren versehen.


Gespräch am 8. April 2010 zwischen Kardinal Danneels und dem Opfer 

Roger Vangheluwe: Der Vorschlag ist, dass Mark erst einen Moment mit dem Kardinal spricht.

Mark Vangheluwe: Ich dachte, dass es der andere Kardinal sein würde?

Roger Vangheluwe: Wir haben doch nur einen Kardinal, oder?

Mark Vangheluwe: Ja, aber wir dachten, dass es der Erzbischof wäre.

Roger Vangheluwe: Aber Du hattest doch nach dem Kardinal gefragt.

Roger Vangheluwe geht hinaus.

Mark Vangheluwe hatte seinen Onkel gefragt, ob dessen "Vorgesetzter" dabei sein könnte, und dabei offensichtlich an den neuen Erzbischof von Mechelen-Brüssel gedacht, Erzbischof André-Joseph Léonard. Dieser hatte kurz nach seiner Wahl das "schuldige Stillschweigen" der Kirche in Sachen Missbrauch eingestanden und die Einrichtung einer Kommission und einer Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer bekannt gegeben. Doch Roger Vangheluwe brachte statt Léonard seinen alten Freund Godfried Danneels mit zu dem Termin. 

Godfried Danneels: Mark, setzen Sie sich. Na sagen Sie mal…

Mark Vangheluwe: Also, ich bin meine ganze Jugend über von meinem Onkel Roger missbraucht worden. Sexuell und heute immer noch geistig, und ich finde, dass ich da was tun muss, dass ich die Pflicht habe, das einer höheren Instanz zu melden.

Danneels: Was würden Sie sich denn wünschen? Ich kenne die Geschichte, er hat sie mir schon erzählt. Sie müssen also nicht alles noch einmal erzählen. Aber was soll ich denn jetzt Ihrer Meinung nach tun?

Danneels offenbart hier bereits seine ganze Empathielosigkeit, indem er sich weigert, die Ereignisse aus der Sicht des Opfers anzuhören.

Mark Vangheluwe: Ich übertrage die Verantwortung Euch, ich kann da nicht drüber entscheiden, ich habe die Last auf meinen Schultern und ich will von dieser Last erlöst werden und sie Euch übergeben. Das ist meine Absicht.

Danneels: Ja…

Mark Vangheluwe: Und dass Ihr dann das tut, von dem Ihr meint, dass es getan werden muss, denn ich weiß auch nicht, wie das ganze System funktioniert, also…

Mark Vangheluwe weigert sich, Forderungen zu stellen. Er will, dass die Institution die Tatsachen anerkennt und die entsprechende Konsequenzen daraus zieht.

Danneels: Wollen Sie, dass das bekannt gemacht wird, eigentlich?

Mark Vangheluwe: Äh, das überlasse ich Euch.

Danneels: Eigentlich… Monseigneur wird nächstes Jahr seinen Rücktritt einreichen, eigentlich wäre es besser, wenn Sie warten.

Schon ist es heraus: Danneels will verhindern, dass es vor der Emeritierung seines Amtsbruders einen Skandal gibt.

Mark Vangheluwe: Nein, nein, nein.

Danneels: Wenn Sie das jetzt machen, wird es Spekulationen geben…

Mark Vangheluwe: Das ist in Ordnung, dann liegt es in eurer Verantwortung, diese Spekulationen aufzulösen.

Danneels: Aber das können wir nicht auflösen.

Mark Vangheluwe: Dann kann ich es auch nicht auflösen, ich übergebe die Sache dann lieber Euch.

Danneels: Nun, ich würde meinen, dass es vielleicht besser ist, ein Datum nach dem nächsten Jahr abzuwarten, wo er wahrscheinlich emeritieren wird.

Mark Vangheluwe: Nein, damit bin ich nicht einverstanden, und in aller Glorie Abschied nehmen, nein, das kann ich nicht. Oder ist es so, dass Ihr meint, dass wieder die Vertuschungstechnik gebraucht werden muss, wie Ihr das schon so viele Jahre tut? Dann muss ich lernen, damit zu leben, aber äh…

Danneels: Aber ich habe keine Autorität über Monseigneur Vangheluwe.

Mark Vangheluwe: Und wer hat die?

Danneels: Eigentlich niemand, außer der Papst. 

Mark Vangheluwe: Na gut, ich habe darum gebeten, mit seinem Arbeitgeber zu sprechen, und ich habe nicht gesagt, wer das sein muss. Ich habe auch den Papst erwähnt.

Danneels: Jetzt habe ich nichts mehr zu sagen, ich bin abgetreten.

Danneels startet ein Ausweichmanöver. Eigentlich ist er nicht zuständig, kann gar nichts entscheiden, ist ja auch schon im Ruhestand.

Mark Vangheluwe: Ah ja, was tue ich hier denn eigentlich? Dann müssen wir vielleicht besser einen Termin mit dem Papst machen.

Danneels: Oder mit dem neuen Erzbischof.

Mark Vangheluwe: Ich weiß es nicht. Sie sagen, dass der Papst sein Chef ist, dann müssen wir zu ihm gehen und nicht zum Erzbischof.

Danneels: Wir haben keine Autorität über die anderen Bischöfe, wir sind allein. Eigener Chef.

Mark Vangheluwe: Dann ist es vielleicht über Sie möglich, dass Sie einen Termin mit dem Papst machen und wir dann dorthin gehen. Es sind nun 42 Jahre, dass ich darunter leide und ich will das nicht mehr, ich kann nicht mehr schweigen, ich kann das nicht, und ich will nicht, dass das alles so bleibt. Es hat einen viel zu großen Einfluss auf die Familie, auf alles, auf das Verhältnis zu meiner Frau, auf alles, ich habe keine Lust mehr auf dieses Leben und es hat immer noch so einen Einfluss, ich will das loswerden. Ich bin ich ein Alter gekommen, in dem ich frei durchs Leben gehen möchte.

Danneels: Eigentlich liegt die erste Verantwortung bei ihm, nicht bei seinen Oberen. 

Mark Vangheluwe: Ja gut, aber wenn er nichts tun will, was passiert dann?

Danneels: Was verlangen Sie denn denn von ihm? Dass er abtritt?

Mark Vangheluwe: Aber das muss er entscheiden, ich will es einfach nur melden, das ist es. Sie verlangen, dass ich etwas sage, das ich selbst nicht sagen kann. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Oder ich muss eine andere Art suchen, um das für mich abzuschließen. Und für heute habe ich verlagt, dass er öffentlich die Beichte vor der Familie spricht, dass er sagt: Ich habe diese Dinge getan. Während jeder dabei ist.

Danneels: Das wird er tun.

Mark Vangheluwe: Das hatte ich für heute erwartet, das können wir am besten direkt machen und dann sehen wir mal. Wenn nichts passiert, gehen wir zum Papst.

Danneels: Der Papst ist nicht zu einfach zu erreichen. 

Mark Vangheluwe: Aber das können Sie doch regeln, es ist doch wichtig genug, denke ich, das an höherer Stelle zu melden. Oder wollen Sie es so lassen, wie es ist? Das ist warscheinlich die Absicht…

Danneels: Ich habe da nichts mit zu tun.

Mark Vangheluwe: Dann frage ich mich, was Sie hier eigentlich machen. Ich hatte darum gebeten, seinen Oberen zu sprechen und scheinbar ist das nicht der Fall.

Mark Vangheluwe denkt noch ganz in der instutionellen Logik. Man muss sich doch irgendwo beschweren können und jemand muss zuständig sein. Wenn das der Papst ist, dann muss man eben zum Papst. Es klingt wie ein Gespräch aus einem Kafka-Roman, wenn der Kardinal  sagt, der Papst sei halt "nicht einfach zu erreichen".

Danneels: Ich kann doch auch Rat geben.

Nachdem der Kardinal sich für institutionell nicht zuständig erklärt hat, zieht er die pastorale Karte. Wie sich sogleich zeigen wird, in manipulativer Absicht.

Mark Vangheluwe: Wenn ich auf meiner Arbeit etwas falsch mache, dann geht das auch an meinen Chef. Ich hatte gedacht, das hier auf die gleiche Weise zu tun.

Danneels: Eigentlich ist es er, der verantwortlich für eine Sache ist, die eigentlich nicht gut ist.

Mark Vangheluwe: Was denken Sie darüber?

Danneels: Dass es nicht sein darf.

Mark Vangheluwe: Dass es nicht sein darf und dass es nicht sein kann, und dass er die Funktion nicht behalten kann, das denke ich doch, das müsste doch eigentlich die normalste Reaktion sein. Wie kann er noch so scheinheilig durchs Leben gehen?

Danneels: Das müssen Sie ihn fragen.

Mark Vangheluwe: Aber ich frage Sie um Rat.

Dannels: Ach ja, man kann auch um Vergebung bitten, ne, und seine Schuld bekennen.

Mark Vangheluwe: Wen muss ich denn um Vergebung bitten? Ich muss doch nicht um Vergebung bitten!

Danneels: Stimmt, er kann das tun.

Dass Opfer, dass Gerechtigkeit will, wird aufgefordert, mit dem Täter barmherzig zu sein und ihm zu vergeben. Das Ziel dieses Ratschlags ist natürlich nur, den öffentlichen Skandal zu vermeiden.

Mark Vangheluwe: Und damit soll die Sache dann abgeschlossen sein.

Danneels: Ich weiß nicht, ob Sie sich damit einen Gefallen tun, das an die große Glocke zu hängen, weder sich selbst noch ihm.

Danneels droht dem Opfer. Ist die Sache einmal in der Öffentlichkeit, wird es auch für ihn peinlich.

Mark Vangheluwe: Ich glaube immer noch, dass die Opfer ihre Privatsphäre haben, es müssen ja keine Namen genannt werden.

Danneels: Naja, so bringen Sie ihn in eine schwierige Lage.

Mark Vangheluwe: Ich befinde mich schon mein ganzes Leben in einer schwierigen Lage. Ich habe nicht vor, noch Mitleid zu haben, ich will den Kampf zuende bringen, es muss für mich erledigt sein, dass ich endlich mal ins reine komme mit mir selbst, dass ich tue, was ich tun muss. Ich war auf einer katholischen Schule und bin katholisch erzogen worden. Ich sehe diese ganze Institution wanken, ich lese auch die Zeitungen, ich finde also, dass ich die Pflicht habe, das zu tun. Wie kann ich meine Kinder dazu bringen, etwas zu glauben – mit so einem Hintergrund, das geht doch nicht, dann schiebt man es einfach an die nächste Generation weiter. Und alles bleibt so, wie es ist. Das ist doch nicht der Sinn der Kirche.

Daneels: Nein, es ist doch nicht der Sinn, jemanden in Miskredit zu bringen?

Mark Vangheluwe: Nennen Sie mir eine andere Lösung. Ich soll vergeben, und dann ist es erledigt.

Danneels: Nein, nein, nein.

Mark Vangheluwe: Und er macht einfach weiter.

Danneels: Man kann doch auch sagen, er legt nächtes Jahr sein Amt nieder, und dass er dann zum Beispiel sagt, schau, ich trete nicht mehr im Fernsehen auf, und so. Solche Sachen, nach einem Jahr.

Mark Vangheluwe: Nein. Ich möchte es in eure Hände legen, und ihr entscheidet dann.

Danneels: Sie können uns festnageln und erpressen, und sagen: Sie müssen was tun.

Mark Vangheluwe: Wie bitte?

Danneels: Sie können erpressen und sagen, wenn Sie nicht sagen…

Mark Vangheluwe: Warum sollte ich jemanden epressen? Ich werde niemanden epressen.

Danneels: Gut, wenn Sie zum Beispiel sagen, es passiert nichts, und machen es dann öffentlich…

Der Kardinal wirft dem Opfer vor, ein Erpresser zu sein.

Mark Vangheluwe: Dann lassen Sie mir diese einzige Chance. Jetzt gebe ich Euch als Kirche noch die Chance, etwas zu tun, weil ich selbst nicht in der Lage bin, diese Entscheidung zu treffen und weil es eigentlich klar ist, dass es eine deutliche Antwort braucht. Darum übergebe ich die Sache der Institution, die doch irgendjemanden haben muss, der das regelt, solche Sachen. Das sind doch nicht die ersten Dinge, die rauskommen, ich meine doch, dass es dafür etwas geben muss, eine Stelle, die das aufnimmt und da etwas mit macht. Wir wurden gezwungen, vor ihm zu heiraten, die Kinder wurden von ihm getauft, wie soll ich denen das erklären? Ich habe gestern meinem ältesten Sohn gesagt: Schau, das ist mit mir passiert. Sie müssen doch wissen, was passiert ist? Das kommt doch raus, das geht doch so nicht weiter, und dann warten, bis alles erledigt ist, das ist doch keine Lösung.

Danneels: Ah! Wir können auch, wie ich gesagt habe, um Vergebung bitten und selbst vergeben, das ist auch noch eine Möglichkeit.

Mark Vangheluwe: Das ist für mich nicht möglich, daran glaube ich nicht mehr, wenn Sie all diese Dinge sagen, das kann doch nicht sein.

Danneels: Das ist schon oft in der Geschichte passiert, nicht nur in der Kirche, später auch. Es ist schlimm und bleibt schlimm, es verändert sich nicht, aber, äh, ja, sieh mal, wenn man aufrichtig um Vergebung bittet, dann tragen wir das alle beide, das ist auch eine Möglichkeit, oder?

Mark Vangheluwe: Das wäre natürlich für Euch das einfachste.

Danneels: Oh, ich weiß nicht, ob das so einfach ist. Es ist nicht so einfach, öffentlich um Vergebung zu bitten, das ist nicht so einfach, nicht wahr.

Mark Vangheluwe: Ich finde das auch nicht einfach.

Danneels: Es ist nicht so einfach.

Mark Vangheluwe: Ich muss das auch gegenüber den Familienmitgliedern tun.

Danneels: Wollen Sie vielleicht, dass wir ihn absetzen?

Mark Vangheluwe: Ah ja, natürlich.

Danneels zwingt Mark Vangheluwe, doch eine Forderung auszusprechen, allerdings nur, um ihm anschließend vor Augen zu führen, welch unangenehme Konsequenzen dies für den Täter hätte.

Daneels: Das ist nicht so einfach.

Mark Vangheluwe: Das weiß ich nicht. Natürlich will ich das. Das ist doch logisch. Wenn ich betrunken einen Unfall baue, werde ich auch bestraft.

Danneels: Eine Strafe muss strafen. Es gibt Strafen, die öffentlich sind, und Strafen, die privat sind, das ist ein großer Unterschied. Dein Name kommt an die Öffentlichkeit, wird durch den Dreck gezogen.

Mark Vangheluwe: Mein Name?

Danneels: Sein Name.

Mark Vangheluwe: Er hat mich auch ein ganzes Leben lang durch den Dreck gezogen. Von meinem fünften bis zu meinem 18. Lebensjahr. Können Sie sich das vorstellen?

Danneels: Ja, das kann ich mir vorstellen, das ist schlimm.

Mark Vangheluwe: Sie können es sich nicht vorstellen, da bin ich mir sicher.

Danneels: Also um Vergebung bitten, ist nicht genug? Wenn Sie einverstanden sind, können sie sagen, was sie wollen. Wenn Sie sagen, ich vergebe…

Mark Vangheluwe: Ich denke, dass das nicht ausreicht.

Danneels: Aber es ist schon erniedrigend, das zu tun.

Mark Vangheluwe: Für mich was es auch erniedrigend.

Danneels: Ich sage nicht, dass es nicht wahr ist.

Mark Vangheluwe: Ich musste das auch alles durchstehen. Es ist für ihn auch die einzige und aufrechteste und einfachste Art, auf eine gute Weise zu sterben, dass er die Verantwortung übernimmt. Es wird dann auch für ihn viel einfacher sein. Und dafür muss man in der Tat durch den Dreck gehen, muss da überall durch, und dann kommt man ins Reine mit sich selbst.

Danneels: Das ist doch schwer, was da verlangt wird. Es ist hart zu sagen: Du musst öffentlich vor allen erniedrigt werden.

Mark Vangheluwe: Das muss er ja nicht. Er muss einfach aufhören.

Danneels: Ah ja, aber das ist ja gerade die Erniedrigung, dass er aufhören muss.

Mark Vangheluwe: Jaja.

Danneels: Dann werden die Leute sagen: Warum hört er auf? So, sie werden es dann schon herausfinden, nicht war, warum hört er auf? Dann finden sie es heraus. Das ist doch hart.

Mark Vangheluwe: Aber warum haben Sie so ein Mitleid mit ihm und nicht mit mir?

Mark Vangheluwe spricht das Offensichtliche aus. Der Kardinal zeigt über das gesamte Gespräch nur Empathie mit dem Täter, nicht aber mit dem Opfer.

Danneels: Das habe ich nicht gesagt.

Mark Vangheluwe: Sie versuchen die ganze Zeit, ihn zu verteidigen. Ich dachte, dass ich etwas Unterstützung erfahren würde, ich muss hier sitzen und mich verteidigen gegen Dinge, für die ich nichts kann.

Danneels: Nein, ich sage nicht, dass Sie dafür etwas können, es muss etwas anderes getan werden.

Mark Vangheluwe: Aber was muss getan werden?

Danneels: In jedem Fall um Vergebung bitten.

Mark Vangheluwe: Und damit ist es erledigt, für Sie.

Danneels: Wenn Sie sagen…

Mark Vangheluwe: Warum bin ich dann hier? Das hätte er schon viel früher tun können, dann wäre das nicht nötig. Mein Vater hat ihn schon informiert, als ich 18 war. Jetzt sind 25 Jahre vergangen und er hat noch nie um Vergebung gebeten. Warum war das nicht früher möglich? Dann wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Nein, ich möchte nicht, dass er in Glanz und Gloria einfach von der Bühne verschwindet und es damit getan ist. Er hat nie die Verantwortung übernehmen wollen und es wünsche, dass Ihr jetzt Eure Verantwortung als Obere übernehmt. Das ist meine Absicht.

Danneels: Ja, ich kann nichts Böses tun, denn ich trage keine (Verantwortung).

Mark Vangheluwe: Ah ja, dann müssen wir nicht weiterreden. Dann hören wir besser auf. Dann muss ich mit Ihnen nicht reden, denn Sie können ja doch nichts tun.

Danneels: Nein, nicht direkt, eigentlich. Nein, nein, Sie verlangen von mir das Maximum…

Zweites Gespräch im Beisein der Familie

Roger Vangheluwe: Du hast mich also gebeten, dass ich hier deutlich sagen soll, wie sehr ich fehlgegangen bin, indem ich Mark sexuell missbraucht habe, von da an, wo er 5 oder 6 war, denke ich, bis er ungefähr 18 war. Irgendwann, wenn wir uns sahen, ob bei Euch oder bei uns. Dass ich dann irgendwann mit Mark, äh, Handlungen vollzogen habe, die nicht gehen. Und dass ich, ja, äh, das all die Jahre getan habe. Dass ich heute viel mehr als damals, damals war mir das nicht klar… Dass ich heute deutlich sehe, wie schrecklich verkehrt ich damit gehandelt habe und wie schwer die Folgen für Mark und für Euch alle waren, davon, was damals passiert ist. Und dass ich tun will, was ich kann, um das ein bisschen zu beheben. Aber ja…. Ich bin bereit zu allem, was Ihr verlangt. Und natürlich, ich verlange nicht mehr, als dass Du, nach allem, was ich getan habe und was geschehen ist, dass Du ein bisschen… Dass ich noch etwas daran tun kann.

Bischof Vangheluwe kommt der Forderung nach, seine Schuld einzugestehen. Nun führen er und Danneels vor der Familie ein kleines, zerknirschtes Theaterstück auf.

Danneels: Ja, nun, äh, tut es Dir leid und bittest Du um Vergebung? Oder äh…

Roger Vangheluwe: Es tut mir schrecklich leid und ich habe Mark um Vergebung gebeten. Wenn man das vergeben kann. Ich weiß, dass das, worum ich nun bitte, sehr schwer ist. Aber ich bitte wirklich aufrichtig darum. Mögest Du mir vergeben, denn ich kann mir selbst nicht vergeben. Ja, es tut mir sehr leid, dass ich so viele Leben zerstört habe.

Danneels: Ja, das ist nicht nichts. Das sind schlimme Tatsachen, nicht wahr, Roger? Es ist schlimm, nicht wahr. Allez, Du musst sehen, dass das nicht normal ist, so. Ich finde, dass Du das deutlich sagen musst. Das ist kein Fehlerchen. Das ist ein ernsthafter Fehler gewesen und ich glaube auch persönlich, dass das ein ernster Fehler gewesen ist. Ach ja, was kann man hier anderes tun als zu sagen: Schau, es tut mir leid. Du musst versuchen, so viel wie möglich wiedergutzumachen, aber das lässt sich niemals ganz wiedergutmachen. Damit musst Du rechnen: Das lässt sich nicht wieder ganz gradebiegen. Ja, und wenn ich dich so sehe, dann leidest Du auch darunter. Nicht nur Mark, Du auch.

Hier fällt die minimalisierende und abstrahierende Sprache auf, die Danneels für die Taten findet. Der Missbrauch ist "nicht normal", ein "ernster Fehler". Keine Rede von Sünde, von Schuld, von Buße, Sühne und Wiedergutmachung.

Roger Vangheluwe: Ich bin froh, dass ich da mal drüber sprechen kann. Auch für mich ist das ein Stück weit Befreiung. Ich kann da mit niemandem drüber sprechen, Ihr miteinander immerhin noch ein bisschen. Es sind schon zwanzig Jahre, dass ich das mit mir herumtrage. Immer wieder neu. Und seit Jahren suche ich nach Lösungen – gute und weniger gute. Wie kann ich das tun? Ich frage mich, wie ich davon loskommen kann, und was ich tun kann, ohne Euch noch mehr Schaden zuzufügen.

Danneels: Ja, das ist nicht einfach.

Familie: Das ist unauflösbar.

Danneels: Wir müssen ein bisschen schauen, was da eventuell noch getan werden kann, aber es ist eigentlich schon sehr ernsthaft, dass er jetzt deutlich sagt: Schau, es ist eine schlimme Sache, und ich bitte ausdrücklich um Vergebung dafür. Das ist ein ernsthafter Schritt. Es ist vielleicht gut, dass vor der ganzen Familie zu tun, sodass jeder es gehört hat.

Familienmitglied: Du hast unsere Familie auseinandergerissen.

Vangheluwe: Ja, ich habe die ganze Familie kaputtgemacht, das ist schlimm.

Danneels: Ja, das ist schlimm. Na, Mark, was meinen Sie?

Hier endet das Theaterstück. In seinem Buch wird Mark Vangheluwe später über Danneels schreiben: 

"Er schien gefühllos und unecht, als ob er aus Plastik wäre." - "Er versuchte, mich glauben zu lassen, dass es eigentlich kein Problem gäbe und ich nur ein bisschen Geduld haben müsste. Alles würde dann schon gut werden. Es wäre viel besser, zu schweigen, weg zu gehen und etwas Nützliches zu tun, als stundenlang darüber zu reden, was nun alles passieren müsste. Keine 'große Glocke' also, nicht abtreten, alles weiter vertuschen." - "Ich fühlte mich während des Gesprächs mit dem Kardinal alles andere als wohl, denn der Mann schüchterte mich ein und machte sich als waschechter Manipulator zum Herren über mich. Dadurch erlebte ich eine Art Flashback und fiel in die alte Gewohnheit der Untertänigkeit zurück. Ich, der dachte, stark genug zu sein, um den Kampf aufzunehmen, saß dem Kardinal gegenüber wie ein kleines Kind und suchte nach einfachen Worten, um deutlich zu machen, dass mit jemand dreizehn Jahre am Stück sexuell missbraucht hatte. Der schlaue Hund war in meinen Augen nicht vertrauenswürdig und aalglatt und wandt sich durch das Gespräch, als ob ihm das alles völlig egal wäre."

Wenige Tage später meldete sich Mark Vangheluwe bei der belgischen Missbrauchskommission. 
 
Papst Franziskus ernannte Godfried Danneels 2014 zum Mitglied der Außerordentlichen Bischofsynode über die "Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung" und 2015 zum Mitglied der Ordentlichen Bischofssynode über "Die Berufung und Mission der Familie in der Kirche in der modernen Welt".

Mittwoch, 27. Juni 2018

"F"

Gestern hat der Präfekt der Glaubenskongregation mit der Presse gesprochen, soweit ich sehe, das erste Mal überhaupt, seit er im Amt ist. Darin sagte er über die von den deutschen Bischöfen geplante Handreichung über "Konfessionsverbindende Ehen und gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie" und seinen von Papst Franziskus ("F") abgezeichneten Brief in dieser Angelegenheit, der vor einiger Zeit an die Öffentlichkeit gelangt ist: "Wenn jemand hier seinen eigenen Weg geht, riskieren wir, etwas Verwirrung zu schaffen." Es gelte darum, eine Lösung für die ganze Kirche zu finden. Ergo: Die Sache soll in Rom entschieden werden.
Heute veröffentlicht die Deutsche Bischofskonferenz eine "Note von Kardinal Reinhard Marx an den Heiligen Vater vom 12. Juni 2018", die ebenfalls von Papst Franziskus abgezeichnet wurde ("F"). Darin lässt sich Marx vom Papst bestätigen, dass der Ladaria-Brief "einige Hinweise und einen Interpretationsrahmen" vorgebe, aber "keine Anweisungen für das Handeln der Bischofskonferenz" beinhalte. Ladaria hatte unter anderem geschriebenen, die Handreichung sei "nicht reif" für eine Veröffentlichung. In der Note von Kardinal Marx heißt es nun, der Text könne "eine Orientierungshilfe und ein Studientext sein für die Bischöfe, die in ihren Diözesen Kriterien im Sinne des can 844 CIC erarbeiten" und dürfe darum auch "bekannt gemacht" werden.
Der Vorgang stellt einen Gesichtsverlust des Präfekten der Glaubenskongregation dar.

PS: Was bedeutet das "technisch"? Die Handreichung ist nun veröffentlicht worden, hat aber keine Verbindlichkeit. Die einzelnen Diözesanbischöfe können, so wie es das Kirchenrecht vorsieht, Partikularnormen zu can. 844 § 4 CIC erarbeiten (d.h. sie können festlegen, was in ihrer Diözese eine "schwere Notlage" ist, unter deren Bedingung ein Kommunionempfang von Nichtkatholiken möglich ist) und, wenn sie wollen, dafür die Handreichung als "Orientierungshilfe" benutzt. Diese Partikularnormen bedürfen laut can. 455 § 2 allerdings wiederum einer Rekognoszierung des Apostolischen Stuhls. Wie und nach welchen Kriterien wird dann in Rom entschieden werden?

Dienstag, 8. Mai 2018

Warum Papst Franziskus Rihanna und Kardinal Burke braucht

Rihanna als Papst
30.000 Dollar kostet eine Eintrittskarte. Eine Tischreservierung ist für 275.000 Dollar zu haben. Die jährliche "Met Gala" ist eine Fundraising-Veranstaltung für das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York. Die Gala eröffnet jeweils eine Modeausstellung des Museums. Thema in diesen Jahr: "Himmlische Körper. Mode und die katholische Vorstellungskraft". Die prominenten Gäste der Gala interpretieren mit ihrem Look gern das jeweilige Motto. So auch in diesem Jahr. Rihanna trug Mitra, Katy Perry hatte Engelsflügel umgeschnallt und die Sängerin Zendaya erschien, inspiriert von Jeanne d'Arc, in Rüstung und Kettenhemd.
Die Ausstellung kam unter offizieller Beteiligung des Vatikans zustande. Fünfzig Stücke aus der päpstlichen Sakristei sind im Rahmen der New Yorker Schau zu sehen. Dahinter steckt Kardinal Gianfranco Ravasi, der Chef des Päpstlichen Kulturrats. Im Interview mit der italienischen Vogue erklärt er:
"Das liturgische Gewand ist so reich und prächtig, weil es die transzendente Dimension des religiösen Geheimnisses repräsentiert, und bestrebt ist, dasjenige, was göttlich ist, mit Herrlichem und Wunderbaren zu schmücken." Mode, so der Kardinal, sei "eine Form der Kommunikation, die in der zeitgenössischen Kultur sehr relevant ist." Und er fuhr fort: "Wie in den kirchlichen Paramenten die Sakralität der liturgischen Funktion zum Vorschein kommt, so erscheint in den Luxuskleidern der Haute Couture eine symbolische Funktion, die über die reine Funktion, sich zu bedecken, hinausgeht".
Katy Perry als Engel
In der Tat. Die katholische Tradition hat die komplexe symbolische Funktion von Kleidung stets zu nutzen gewusst. Im Gesamtkunstwerk Liturgie spielten Kleidungsstücke immer eine große Rolle: Sie bildeten einen eigenen semiotischen "Code", eine textile Zeichensprache, die mit den anderen Ausdrucksebenen des Gottesdienstes – Gesten und Bewegungen, Klänge, Gerüche bis hin zu Blumen – zusammenwirkte.
Doch seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist es im Katholizismus etwas verpönt, allzu viel Aufmerksamkeit auf Kleidung und überhaupt auf "Äußerlichkeiten", auf cultus et decor, zu verschwenden. Die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" gab 1963 die Parole von der "edlen Einfachheit" aus. Adolf Loos, der Prophet der architektonischen Moderne, hatte bereits 1908 in seinem Essay "Ornament und Verbrechen" geschrieben: "Der moderne Mensch, der Mensch mit den modernen Nerven, braucht das Ornament nicht, er verabscheut es". Schmuck war etwas für tätowierte Häftlinge und degenerierte Aristokraten.
Das ist hundert Jahre her und entspricht nicht mehr ganz dem Zeitgeist. Wie in der Mode kennt auch die Kirche Revivals. So kam es unter Papst Benedikt XVI. zu einem Wiederaufleben älterer Gewänder und Insignien. So manch abgeschnittener Zopf war plötzlich wieder da. Das war sicher auch Ausdruck einer neuen Suche nach Identität: Nach dem "Aggiornamento" der Sechziger ging es im neuen Millenium um das Wiederanknüpfen an Traditionen.
Beobachter fielen etwa die roten Schuhe auf, die der Papst trug, und die an die „Kreuzigung und das Blut Christi“ erinnern sollten, wie der päpstliche Schuhmacher damals in einem Interview erläuterte.
Papst Franziskus konnte mit diesen Revival offenkundig nichts anfangen, und so sind mit ihm wieder nüchternere Zeiten angebrochen. Er trägt immer wieder die selbe Mitra mit den braune Streifen, die er schon in Buenos Aires regelmäßig aufhatte. Pracht und Luxus ist ihm zuwider. Das Einzige, was er zur Schau stellt, ist seine Bescheidenheit und Demut. "Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen," gab kürzlich ein Schneider auf katholisch.de zu Protokoll.
Raymond Burke als Kardinal
Diejenigen, die gegen das päpstliche Vorbild an einer gewissen Opulenz festhalten, gelten unter vielen Kirchenleuten als Witzfiguren, ja, als klerikale Transvestiten. Die meterlange Seidenschleppe, mit der Kardinal Raymond Burke gelegentlich zu sehen ist, hat ihm natürlich viel Spott eingebracht, obwohl er bei der Met Gala damit wohl genau richtig gewesen wäre.
Der Spott über die Tracht der Kleriker ist ein antiklerikaler Topos aus dem 19. Jahrhundert. Die Priester mit ihren langen Gewändern, galten schon damals als weibisch, hysterisch, unmännlich – und damit als perfekte Exempel der irrationalen, ja perversen Natur des Katholizismus. Irgendwann hat man sich in der katholischen Kirche diese Kritik zueigen gemacht.
Das heißt nun aber nicht, dass der Verzicht auf Pracht auch einen Verzicht auf textile Kommunikation bedeutet. Die Eintönigkeit der päpstlichen Gewänder, die orthopädischen Schuhe, die Franziskus trägt, ja sogar sein Brillengestell werden in Zeiten der medialen Omnipräsenz des Papstes natürlich auch zu kommunikativen Mitteln. Der Papst macht so deutlich, dass Gott für ihn weniger in der Schönheit und Herrlichkeit zu finden ist, sondern eher in der Armut, in der Schwäche, in der Einfachheit. "Man kann nicht nicht kommunizieren", lehrt uns Paul Watzlawick.
Diese Zeichensprache lebt allerdings vom Kontrast. Insofern ist der Pomp von Kardinal Burke und die Outfits den Stars bei der Met-Gala mit ihren überdeutlichen, teilweise bizarren sakralen Anleihen, sogar notwendig: Als Kontrastfolie für die ostentative Demut des Papstes.

Freitag, 13. April 2018

Liturgie, Nächstenliebe und dieses verrückte Internet

Damit muss man zurechtkommen. Ich habe vor zwei Tagen zum ersten Mal einen "Standpunkt" auf katholisch.de geschrieben. Kurzfristig sollte ich für einen Kollegen einspringen, hatte einen Nachmittag Zeit und den Auftrag, zum gerade erschienen Papst-Schreiben "Gaudete et exsultate" über Heiligkeit einen Kommentar von 2.000 Zeichen zu tippen. Normalerweise arbeite ich für eine Monatszeitschrift, da hat man 10.000 Zeichen und mehr und kann zur Not wochenlang darüber nachdenken, was man schreiben will. Wieder Wochen später hört man dann vielleicht von jemandem, der das "ganz interessant" gefunden hat.
Anders bei einem Internetportal mit Hunderttausenden Visits im Monat. Morgens um Sieben ist die erste Nachricht auf meinem Mobiltelefon (lobend!), kurze Zeit später höre ich von Leuten, die sich wegen meines Standpunkts Sorgen um mich machen. Über Facebook kommen Hinweise auf Auslassungen und Interpretationsfehler, man moniert mangelnden Respekt gegenüber den Worten des Heiligen Vaters, zwischendurch erreichen mich auch immer wieder Nachrichten der Zustimmung und des Dankes. Auf der Facebook-Seite von katholisch.de schreibt jemand, dass Menschen wie ich die Leute von der Kirche wegtreiben. Meine Güte. Ich frage mich, ob die Kollegen von katholisch.de sich das alles durchlesen.
In dem Text hatte ich geschrieben, dass mir im Dokument des Papstes die Liturgie zu kurz kommt. Denn für das Zweite Vatikanische Konzil spielt der Gottesdienst die entscheidende Rolle für die Heiligung des Menschen (Sacrosanctum Concilium) bzw. die Berufung aller Christen zur Heiligkeit (Lumen Gentium).
"Gaudete et exsultate" betont dagegen stark die Bedeutung der aktiven Nächstenliebe. Dabei hängen Gottesdienst (Liturgia) und Dienst am Nächsten (Diakonia) eng miteinander zusammen. Irgendwie schien mir dieser Zusammenhang in dem Papier nicht wirklich klar zu werden. Statt dessen warnt der Papst in seiner langen Liste von Verurteilungen vor den selbstgerechten "Neopelagianern", die mit ihrer ostentativen Liturgiepflege auf dem Holzweg sind. Das fand ich nicht fair, weil ich meine, dass viel zu viele Gottesdienste einfach nur lieblos und wurschtig gefeiert werden und ein bisschen mehr Sorge um die Liturgie durchaus angemessen wäre.
Dass das Stichwort "Liturgie" nur in dieser Passage des Dokumentes vorkommt, finde ich schon bezeichnend. Das Thema freilich ist durchaus an verschiedenen Stellen präsent - aber meines Erachtens eben nicht den entscheidenden. Ein Beispiel: Die Feier der Messe wird in dem Schreiben in der Tat erwähnt, nämlich dort, wo es um den geistigen Kampf gegen den Satan geht. "Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf" heißt es da - und zwar gegen den Teufel, der uns davon abhalten will, heilig zu werden. Den Teufel darf man sich laut Franziskus nicht allzu symbolisch vorstellen. Es handelt sich vielmehr um ein "personales Wesen", "das uns bedrängt". In diesem Kampf gibt es für Franziskus verschiedene Waffen - und zu diesen Waffen gehört auch die Eucharistie:
"Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz."
Es mag ja sein, dass man die Liturgie auch als Waffe gegen den Teufel verstehen kann, aber sie ist ja doch vor allem und zuerst "Quelle und Höhepunkt" des ganzen kirchlichen Lebens, wie das Konzil lehrt.
Ist es in Ordnung, diese Beobachtungen zur Diskussion zu stellen? Es ist ja bemerkenswert, dass es überhaupt noch Leute gibt, die von Lehrschreiben des Papstes zu Debatten und Reflexionen angeregt werden. Die Frage ist, ob die Kommentarfunktion auf Websites und sozialen Netzwerken der einzige Ort sein sollten, an dem kirchliche und gesellschaftliche Diskussionen geführt werden. Ich finde nicht, denn vieles bleibt hier oberflächlich, auch aggressiv und polarisierend. Deswegen ist es ganz gut, dass es auch Monatszeitschriften gibt, die mehr Platz und mehr Zeit für Reflexionen bieten.
PS: Das findet der Papst übrigens auch. In Nr. 115 von "Gaudete et exsultate" schreibt er:
"Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren."

Dienstag, 13. März 2018

Papstfilme - von Luis Trenker bis Wim Wenders

Bei Radio V…, äh Vatican News ist ein Trailer zum Film "Pope Francis – A Man Of His Word" des deutschen Regisseurs Wim Wenders zu sehen, der in Deutschland um 14. Juni ins Kino kommt. Pressevorführungen in Berlin, Hamburg und München sollen demnächst stattfinden.
Vatican News schreibt: "Papst Franziskus selbst wird sich in dem Film direkt an die Zuschauer wenden und seine Geschichte erzählen. Mit Unterstützung des Vatikans konnte der deutsche Filmregisseur Wenders bei der Vorbereitung des Films mehrere lange Gespräche mit dem Papst führen, Einblick in die Archive nehmen und exklusives Bildmaterial verwenden. In dem Film wird der Papst über seine Lieblingsthemen wie ökologische Verantwortung, Migration, Konsum und soziale Gerechtigkeit sprechen."
"Zum ersten Mal in der Geschichte" öffne der Papst für ein solches Projekt die Türen, heißt es in einem englischsprachigen Trailer des Films. Das stimmt nicht ganz. In den Vierzigerjahren entstand „Pastor Angelicus“, ein Propagandafilm, der anlässlich des 25. Jubiläums der Bischofsweihe von Papst Pius XII. produziert und 1943 veröffentlicht wurde.
In einem Essay für die Herder Korrespondenz habe ich mich schon in letzten Sommer mit den beiden Filmprojekten beschäftigt. Als Regisseur für "Pastor Angelicus" wurde damals Luis Trenker engagiert, der kurz zuvor bei den Nazis in Ungnade gefallen war und nun eine Anschlussverwendung in Italien brauchte. Der Film blickt zurück auf den Werdegang des Papstes und zeigt sein Wirken: Audienzen für Abgesandte aus fernen Ländern, Ansprachen an Arbeiter, der Papst im Gespräch mit Kommunionkindern, schließlich seine Begegnung mit Kriegsversehrten. Im Mittelpunkt des Films steht die Friedensbotschaft des Papstes. Aber die erwünschte Breitenwirkung kam nicht zustande. Die Verbreitung mitten im Zweiten Weltkrieg erwies sich als schwierig, auch wirkte Pius XII. eher entrückt und abgehoben. In Deutschland konnte der Film ohnehin nicht gezeigt werden.
Mit solchen Widrigkeiten muss bei "Pope Francis – A Man Of His Word" nicht gerechnet werden. Hinter dem Projekt steht der neue starke Mann der vatikanischen Medienaktivitäten, Dario Viganò. Der italienische Priester war seit 2013 Direktor des vatikanischen Fernsehzentrums „Centro Televisivo Vaticano“ (CTV) und wurde Mitte 2015 zum Präfekten des neu gegründeten Kommunikationssekretariates ernannt, in dem im Rahmen der Kurienreform die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Heiligen Stuhls gebündelt werden soll. Dario Viganò gilt seit seiner Promotion in den Neunzigerjahren über "Kirche und Kino" als Filmexperte. Bei den Filmfestspielen in Venedig 2003 traf er erstmals mit Wim Wenders zusammen, wo er ihm den katholischen "Premio Robert Bresson" überreichte.
Wenders erhielt bereits in den Neunzigerjahren eine theologische Ehrendoktorwürde der Universität Fribourg. Spirituelle und religiöse Themen spielten in Wenders’ Werk schon immer eine wichtige Rolle. Zu seinen großen Erfolgen zählt der Film "Der Himmel über Berlin" von 1987, dessen Protagonisten zwei Engel sind, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander. Nun hilft Wenders, Franziskus ins Kino zu bringen.
Dass Wenders' Film, genauso wie sein Vorläufer aus den Vierzigerjahren, nicht ganz ohne Pathos auskommt, lassen die Trailer bereits erahnen...

Dienstag, 20. Februar 2018

Totaler Gehorsam bereitet psychische Schwierigkeiten

Das Erste Vatikanische Konzil
Der Papst hat den Rücktritt von Bischof Peter Ebere Okpaleke von Ahiara in Nigeria angenommen und einen Nachbarbischof als Apostolischen Administrator eingesetzt - so lautete gestern die dünne Mitteilung im Bulletin des vatikanischen Pressesaals. Dort werden nahezu jeden Tag "Rücktritte und Ernennungen" mitgeteilt. Doch diese spezielle Meldung hat es in sich. Ich habe im vergangenen Sommer für die Herder Korrespondenz den Fall der Diözese Ahiara kommentiert.
Papst Benedikt XVI. hatte Okpaleke 2012 zum Bischof von Ahiara im Süden Nigerias ernannt. Die Bevölkerung dort gehört zur Ethnie der Mbaise. Das Bistum im Bundesstaat Imo hat einen Katholikenanteil von 77 Prozent und ist damit eine der katholischsten Gegenden Nigerias. Bischof Okpaleke stammte allerdings aus dem benachbarten Bistum Awka im Bundesstaat Anambra und war kein Mbaise. Die Ernennung eines auswärtigen Bischofs wurde von einem Großteil des Klerus und der Gläubigen schlecht aufgenommen. Es kam zu heftigen Protesten. Demonstranten blockierten die Kathedrale, sodass schon die Bischofsweihe im benachbarten Erzbistum Owerri stattfinden musste. Seitdem war es dem Bischof nicht gelungen, seine neue Diözese in Besitz zu nehmen.
Im Sommer 2017 hatte sich schließlich Franziskus des Problems angenommen und diejenigen, die hinter dem Bischof stehen, sowie die gegnerische Partei eingeladen, jeweils fünf Vertreter für eine Audienz in Rom zu entsenden. Doch die Gegner blieben zuhause; nur die Seite des Bischofs war angereist. Ihnen teilte Franziskus seine Entscheidung in dem Konflikt mit: Alle Kleriker der Diözese mussten dem Papst innerhalb eines Monats einen persönlichen Brief schreiben. Darin sollten sie ihn um Verzeihung bitten, ihren "totalen Gehorsam" versprechen und zusagen, jeden Bischof zu akzeptieren, den der Papst sendet und ernennt. Wer das nicht tue, verliere seine Stelle verlieren und werde a divinis suspendiert.
Dieses Vorgehen, so schrieb ich damals, zeuge von einem Amtsverständnis, das ganz dem Ersten Vatikanischen Konzil entspreche. Das war natürlich frech - ich wollte damit ein bisschen den Eindruck stören, Franziskus sei der Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils.
"Spätestens jetzt muss jedem klar sein: Wenn es Papst Franziskus auf etwas ankommt, ann wird er 'totalen Gehorsam' fordern. Er weiß ganz genau, was das Erste Vatikanische Konzil in seiner dogmatischen Konstitution 'Pastor Aeternus' gelehrt hat: dass der Nachfolger Petri die 'Vollgewalt' innehat, 'die gesamte Kirche zu weiden, zu regieren und zu leiten' und dass die Gläubigen und die Hirten ihm 'zu hierarchischer Unterordnung und zu wahrem Gehorsam verpflichtet' sind, und zwar 'nicht nur in Fragen des Glaubens und des sittlichen Lebens, sondern auch in allem, was zur Disziplin und zur Regierung der Kirche auf dem ganzen Erdenrund gehört'. Papst Franziskus ist der erste Papst, der 'Pastor Aeternus' in einer Ansprache zitiert hat. Als es bei den beiden römischen Familiensynoden 2014 und 2015 zu unerwarteten Widerständen vonseiten einiger Bischöfe und Kardinäle gegen die Agenda von Papst Franziskus kam, sagte er in seiner Ansprache zum fünfzigjährigen Bestehen der Bischofssynode, der 'synodale Weg' gipfele 'im Hören auf den Bischof von Rom, der gerufen ist, als 'Hirte und Lehrer aller Christen' zu sprechen'. Das war ein gezielt eingesetztes direktes Zitat aus 'Pastor Aeternus'. Der Papst kann sich beraten lassen, er kann auf Gläubige und Bischöfe hören. Aber am Ende haben sie auf ihn zu hören."
Die Meldung aus dem Bulletin des Vatikans zeigt: Die Strategie des "totalen Gehorsams" hat offensichtlich nicht so richtig funktioniert. Vatican News berichtete dann gestern Nachmittag, es seien tatsächlich zahlreiche Briefe von Klerikern bei Franziskus eingetroffen, in denen auch viele ihre Reue zum Ausdruck gebracht, jedoch auch angemerkt hätten, "dass eine Zusammenarbeit mit Okpaleke nach den mittlerweile fünf Jahren des Konfliktes 'psychologische Schwierigkeiten' mit sich bringe."
Was lernen wir daraus?

Donnerstag, 30. November 2017

Die Kirche versteht nichts von Wirtschaft...

Jesuiten waren schon immer modern.
...das war aber nicht immer so. Wenn Papst Franziskus oder manche Bischöfe über ökonomische Fragen sprechen, dann rollen die Experten mit den Augen. Gelegentlich hat man den Eindruck, als ob für den Papst alles, was mit Geld zu tun hat, per se moralisch verdächtig ist. Das kann selbst für Freunde des Papstes in der Kurie, die "um eine Optimierung der päpstlichen Haushalte zur Unterstützung der humanitären und pastoralen Aufgaben der Kirche bemüht sind, demotivierend sein", wie der Politikwissenschaftler Ralf Rotte in der neuen Ausgabe der Herder Korrespondenz schreibt.
Dabei haben Theologen aus Franziskus' eigenem Orden, den Jesuiten, im 16. und 17. Jahrhundert entscheidend zur Entwicklung des ökonomischen Denkens beigetragen. Darum ging es gestern in Rom bei einer Tagung des wirtschaftsliberalen Acton Institute in der Jesuitenuniversität Gregoriana.
Dies geschah nach der "Kommerziellen Revolution" des Spätmittelalters, wie Samuel Gregg, Forschungsdirektor des Instituts, erklärte. Damals wuchs die Bevölkerung an, die Landwirtschaft entwickelte sich, neue Produkte entstanden. Europa kam über die reine Subsistenzwirtschaft hinaus. Die Unternehmer erwirtschafteten Überschüsse und konnten investieren. Ein Handel mit Geld und Krediten entwickelte sich, es entstand erstmals so etwas wie ein internationaler Kapitalmarkt.
In der frühen Neuzeit bildeten sich dann neue Handelswege aus, neue wirtschaftliche Kontakte nach Asien, Afrika und natürlich in das gerade entdeckte Amerika. Die Händler und Bankiers hatten als gute Christen ein Bedürfnis nach Seelsorge. Sie hofften auf den Himmel und fürchteten die Hölle. Darum wollten sie wissen, welche ihrer wirtschaftlichen Handlungen moralisch legitim und welche verwerflich waren. Sie stellten Fragen im Beichtgespräch. Das brachte vor allem die Moraltheologen dazu, sich mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Dabei wurden ganz nebenbei erstmals grundlegende ökonomische Theoreme formuliert, etwa die Quantitätstheorie des Geldes.
Zu den Jesuiten, die als Moraltheologen zu Vorläufern der modernen Wirtschaftswissenschaft wurden, gehörten etwa Luis de Molina, Juan de Mariana oder Leonhardus Lessius. Jesuiten waren von Anfang an Teil der portugiesischen und spanischen Expansion in andere Kontinente. Sie profitierten von den neuen Routen, kritisierten aber auch Praktiken, die sie für ungerecht hielten. Es war allerdings ein Dominikaner, Bartolomé de las Casas, der in seiner Beschäftigung mit dem Schicksal der amerikanischen Ureinwohner erstmals den Gedanken von "derechos humanos" - Menschenrechten - formulierte.
Der belgische Rechtshistoriker Wim Decock verwies auf die Methodologie der jesuitischen Moraltheologen. Sie waren nämlich überzeugt, dass es nötig sei, den Gegenstand erst genau zu kennen, bevor man ein moralisches Urteil über ihn abgibt. Leonhardus Lessius etwa begab sich nach Antwerpen, damals wie heute ein wichtiges Handelszentrum, um die Funktionsweise von Bankenwesen und Handel zu verstehen. Decock fasste das unter dem Motto "Knowing before Judging" zusammen. Aus diesem Grund wurden sie zu den ersten Wirtschaftsexperten ihrer Zeit. Heute, so Decock, mache es sich die Kirche in ihren moralischen Urteilen über wirtschaftliche Fragen oft zu leicht.
Ob die Botschaft ankommt?

Dienstag, 19. September 2017

Ich komme in die Hölle

Pater Hans Zollner und Daniel Pittet
"Er ist wie ein Bruder für mich", sagte Daniel Pittet am Samstag hier in Rom über seinen Peiniger, der ihn als Kind hunderte Male missbraucht hat - genauso wie viele andere Kinder. Pittet kommt aus der französischen Schweiz und hat ein Buch über seiner Erfahrungen geschrieben. Es heißt "Pater, ich vergebe Euch. Missbraucht, aber nicht zerbrochen" und ist auf Deutsch bei Herder erschienen. Pater Hans Zollner vom Kinderschutzzentrum der Gregoriana hat es in der Residenz der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl vorgestellt. "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", heißt es im Vaterunser. Kann man das wirklich von den Betroffenen verlangen? Daniel Pittet hat es getan. Er hat dem Täter vergeben.
Im Anschluss an die Präsentation, in der Zollner eine "Theologie im Angesicht von Missbrauch, eine Theologie der Kindheit" forderte, erzählte Pittet von einer Begegnung mit dem Täter, dem Ex-Kapuzinerpater Joel Allaz. Dieser habe ihm gesagt: "Daniel, ich gehe in die Hölle". Das habe er, Pittet, Papst Franziskus berichtet. Dieser habe darauf geantwortet, Allaz müsse zu einem Priester gehen, seinen Sünden beichten und bereuen, dann könne er gerettet werden. Das habe Pittet bei seiner nächsten Begegnung Allaz gesagt. "Das kann ich nicht glauben", habe dieser geantwortet. Er bete jeden Tag für seinen Peiniger, sagte Pittet. "Ich hoffe, dass wir zusammen in den Himmel kommen."

Mittwoch, 26. Juli 2017

Was hat Benedikt XVI. mit der Kirchenstatistik 2016 zu tun?

"Keine 'Generation Benedikt'" - so fasst Daniel Deckers in der FAZ die gerade veröffentlichte kirchliche Statistik der Deutschen Bischofskonferenz zusammen. Will heißen: Der kleine Aufschwung in den ersten Jahren des Pontifikats Benedikts XVI., als die Zahl der Kirchenaustritte sank und die Zahl der Priesteramtskandidaten anstieg, war nicht von Dauer. Der Frühling war schnell wieder vorbei und 2010, im Jahr des Missbrauchsskandals, erreichten die Austrittszahlen wieder Rekordhöhen.
Aber warum stellt ein Artikel zur kirchlichen Statistik im Jahr 2016 eigentlich eine Verbindung zu Papst Benedikt her? Die Überschrift könnte doch auch lauten: "Kein 'Franziskus-Effekt'". Tatsache ist, dass die überaus große Beliebtheit von Papst Franziskus, der in der Gesamtbevölkerung und bei den Katholiken deutlich höhere Zustimmungsraten als sein Vorgänger bekommt, offenbar keine Auswirkungen auf die Kirchenstatistik hat. Kurz: Der Papst ist zwar beliebt, das ändert aber nichts daran, dass viele Menschen der Kirche den Rücken zuwenden.

Sonntag, 9. Juli 2017

Kirche nicht unbedingt "bei den Menschen"

Papst Franziskus feiert die Messe in einer Werkhalle
Vor einigen Tagen, am 7. Juli, jährte sich zum zehnten Mal die Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens "Summorum Pontificum", mit dem Papst Benedikt XVI. die Feier des katholischen Gottesdienstes nach den älteren liturgischen Büchern ermöglichte - also so, wie er vor den Reformen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gefeiert wurde. Seitdem gilt die alte Liturgie als "außerordentliche Form" des römischen Ritus. In der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" schreibt meine ehemalige Kollegin Alina Oehler (sie hat bei der "Herder Korrespondenz" ein Volontariat gemacht) über ihre Sympathie für den traditionellen Ritus. Sie berichtet, dass sie dort das "Bild einer himmlischen Liturgie" erlebe und stellt fest: "Viele junge Menschen fühlen sich von der Schönheit, der Stille und der Ernsthaftigkeit der alten Messe angezogen." Viele von ihnen würden aber nur heimlich die alte Liturgie besuchen.
Wenn man liest, was aus Anlass von 10 Jahren "Summorum Pontificum" auf dem Internetportal katholisch.de erschienen ist, versteht man auch, warum. Dort spricht der Liturgiewissenschaftler Martin Klöckener von "deutlichen Unvereinbarkeiten" zwischen der traditionellen und der modernen Form des Ritus und sieht  in der Zulassung der alten Form ein "Zeichen der Spaltung". Außerdem unterstellt Klöckener den Freunden der Tradition eine Nähe zu "politischen Rechtsaußenkreisen".
Bevor man als Spalter mit Hang zum Rechtsextremismus gilt, behält man tatsächlich lieber für sich, wo man gerne die Liturgie mitfeiert.
Papst Franziskus hat übrigens am 7. Juli auch die Messe zelebriert - aber nicht in einer Kirche. Für eine Feier mit den Angehörigen der vatikanischen Wirtschaftsbetriebe sucht der Papst eine Werkhalle aus. Franziskus, so berichtete Radio Vatikan, feierte die Messe am "Ort des Alltags" der Mitarbeiter.
Kann es sein, dass genau hier das Problem liegt? Ist es nicht eine solche Praxis, die dazu führt, dass manch einer sich in der "Schönheit, Stille und Ernsthaftigkeit" der alten Messe mit seinen religiösen Bedürfnissen besser aufgehoben fühlt? Warum um alles in der Welt sollte ein Arbeiter dort den Gottesdienst feiern wollen, wo er schon den ganzen Tag an der Drehbank steht? Wer glaubt allen Ernstes, dass sich ein Mitarbeiter der vatikanischen Wirtschaftsbetriebe nicht freuen würde, die Messe zusammen mit dem Papst etwa in der herrlichen Capella Sistina zu feiern? Das Leben ist so oft von Anstrengung, Sorgen und Ärger bestimmt. Gerade hier in Rom erlebt man im Alltag auch viel Lärm und Schmutz. Da sollte der Gottesdienst unbedingt so schön und heilig wie möglich sein, um uns zu erheben und uns näher zu Gott zu führen. Er sollte darum auf keinen Fall an einem "Ort des Alltags" stattfinden. Was soll dieser Unsinn?
In den Sechzigerjahren wurden in vielen deutschen Industriestädten Kirchen gebaut, die einer Fabrikhalle nachempfunden waren. Sie waren mit Absicht nicht sakral und schön, sondern profan und alltäglich gestaltet. Die Kirche wollte so näher "bei den Menschen" sein - in Wirklichkeit hat sie sie damit von sich entfremdet.

Freitag, 23. Juni 2017

Gerhard Ludwig Müller: Fünf Jahre Präfekt

Kardinal Müller und die Presse
In einer Woche kann Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein Jubiläum feiern. Denn am 2. Juli 2017 ist es genau fünf Jahre her, dass Papst Benedikt XVI. ihn zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannte. Ob der Kardinal aber tatsächlich in Feierlaune sein wird? Denn seine Zeit als Präfekt könnte in diesen Tagen auch zu Ende gehen.
Papst Johannes Paul II. hat 1988 mit der Konstitution "Pastor Bonus" die Funktion der Römischen Kurie geregelt. In diesem Dokument heißt es:
"Der Präfekt oder der Präsident, die Mitglieder des Dikasteriums, der Sekretär und die übrigen höheren Beamten sowie die Konsultoren werden vom Papst für einen Zeitraum von fünf Jahren ernannt."
Ob also in der Kongregation tatsächlich die Korken knallen, hängt wohl davon ab, ob sich Papst Franziskus entscheidet, die Amtszeit von Kardinal Müller um weitere fünf Jahre zu verlängern, oder nicht.
Das Verhältnis zwischen Papst und Präfekt scheint nicht ganz einfach zu sein. 2016 verlor Kardinal Müller drei Mitarbeiter seiner Kongregation. Sie wurden laut Medienberichten vom Papst ohne Angabe von Gründen in ihre Heimatdiözesen zurückgeschickt. In einem Interview kritisierte Müller diesen Schritt öffentlich: Er sprach in diesem Zusammenhang von "altem höfischen Gebaren" und wünschte sich eine "bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl".
Und bei einer Buchvorstellung beklagte der Kardinal kürzlich eine zu starke Fokussierung der Öffentlichkeit auf den Papst:
"Wir kehren zu den Diskussionen des Ersten Vatikanischen Konzils zurück, mit der Idee, dass fast alle Worte des Papstes unfehlbar seien. (...) Aber der Papst ist nicht der Messias, sondern der Stellvertreter Jesu Christi, der Diener Jesu Christi".
Bislang neigte Papst Franziskus in seiner Personalpolitik allerdings eher dazu, nicht die Köpfe auszutauschen, sondern Kurienposten in der zweiten und dritten Reihe neu zu besetzen. Kardinal Müller wird im Dezember 70 Jahre alt. Im Alter von 75 Jahren "sind die leitenden Kardinäle gebeten, dem Papst ihren Amtsverzicht anzubieten", wie es in "Pastor Bonus" heißt. Müller könnte also noch eine volle Amtszeit von fünf Jahren Präfekt der Glaubenskongregation bleiben.

Samstag, 17. Juni 2017

Eschatologie bei Ratzinger

Pater Lombardi und die letzten Dinge
Es ist ruhig geworden um Joseph Ratzinger - dieser Eindruck kann sich einstellen, wenn man in die deutschsprachigen Medien blickt. Selbst das Interviewbuch "Letzte Gespräche" hat keine besonders hohen Wellen mehr geschlagen. Auch die akademische Theologie scheint hierzulande nicht mehr so stark um die von Ratzinger gesetzten Themen zu kreisen, sondern sich anderen Fragen zuzuwenden. Einige Theologen greifen etwa begeistert die pastoralen Stichworte von Papst Franziskus auf und stilisieren sie zum großen Paradigmenwechsel hoch. Dreht sich alles nur noch um "Peripherien" und "Zärtlichkeit"?
Doch dass das Denken Ratzingers noch weiterwirkt und vor allem international breit rezipiert wird, zeigt die Arbeit der "Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger - Benedetto XVI.". Präsident der Stiftung ist der ehemalige Vatikansprecher Federico Lombardi. Jedes Jahr veranstaltet die Stiftung mindestens ein internationales Symposium. In den letzten Jahren organisierte die Stiftung unter anderem Konferenzen in Bydgoszcz (Polen), Rio de Janeiro (Brasilien), Medellín (Kolumbien) und Madrid (Spanien). Der Tagungsband der letzten Konferenz, die im November 2016 in Rom stattfand und sich der Eschatologie im Denken Ratzingers widmete, wurde nun vor einigen Tagen im Campo Santo Teutonico vorgestellt. Das Thema spielt in der Theologie Ratzingers eine wichtige Rolle und mit der Enzyklika "Spe salvi" über die Hoffnung hat es auch sein Lehramt geprägt.
Im Hintergrund der Fondazione arbeitet mit unermüdlichem Fleiß ihr Sekretär, der Mailänder Historiker Pietro Luca Azzaro. Er ist für die italienische Ratzinger-Gesamtausgabe verantwortlich und hat die meisten Ratzinger-Werke selbst ins Italienische übersetzt. Auch für den neuen Band war er als Herausgeber mitverantwortlich.
Bei der nächsten Konferenz geht es um Ökologie - ein Thema, bei dem sich, sicher Verbindungslinien zwischen der Theologie Ratzingers und den Aussagen von Papst Franziskus ziehen lassen.

Dienstag, 14. März 2017

Ist der Papst ein Monarch?

Im Jahr 1817 schrieb Joseph de Maistre, der sowohl als Philosoph der Gegenaufklärung, wie als Vordenker der modernen Soziologie gilt, seine Abhandlung "Vom Papste". Als Apologet der monarchischem Herrschaftsform interessierte sich de Maistre für die göttlich legitimierte Autorität des Papstes in der Kirche. Dabei fällt auf, dass es für de Maistre im Grunde keinen Unterschied zwischen dem Lehr- und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes gibt. In jedem Fall ist die Letztentscheidung des Papstes bindend. Gegen sie gibt es keinen Appell: "Mag man es anfangen, wie man nur immer wolle: man mag dieser hohen Gerichtsgewalt jeden beliebigen Namen geben; allemal muss Einer sein, dem nicht gesagt werden kann: Du hast geirrt" (de Maistre I, 24). Die Regierung der Kirche ist für den Denker der Reaktion "notwendig monarchisch" (28). Daraus ergibt sich für de Maistre unmittelbar die Unfehlbarkeit des Papstes:

"Ist die monarchische Form einmal festgestellt, so ist die Unfehlbarkeit nichts weiter, denn eine notwendige Folge der Suprematie, oder ist es vielmehr genau dieselbe Sache unter zwei verschiedenen Namen. (…) Wer das Recht hätte, dem Papste zu sagen, dass er sich geirrt, hätte aus demselben Grunde auch das Recht, ihm den Gehorsam zu verweigern: und hiermit wäre die Suprematie (oder Unfehlbarkeit) vernichtet" (28 f.).
Genau 200 Jahre später veröffentlicht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein ähnlich umfangreiches Werk mit einem ähnlichen Titel: „Der Papst. Sendung und Auftrag“. In der Zwischenzeit hat das Erste Vatikanische Konzil mit seiner dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ 1870 die päpstliche Unfehlbarkeit dogmatisiert. Kardinal Müller verteidigt dieses Dogma, stellt aber mehrfach fest: "Der päpstliche Primat hat grundsätzlich nichts mit einer monarchischen oder sonstigen Form von Machtausübung zu tun" (Müller, 514). Dementsprechend sagt Müller über die Kirche und ihre Organisationsform:

"Sie ist weder nach dem Prinzip der Einheit eine Mon-archie, noch nach dem Prinzip der Vielheit eine Olig-archie oder nach dem Prinzip der Allheit eine Demo-kratie. Als natürliche Analogien kommen infrage vielmehr die Familie, die von Gott gestiftet ist, oder das Volk, das als gewachsener Generationenverband von Menschen und besonders im Falle Israels von Gott berufen und zu seinem Volk erschaffen wird. Sie ist als Leib die lebendige und lebendigmachende Verbindung zwischen Christus als Haupt und den einzelnen Christen als Gliedern dieser Lebenseinheit. Die beste Orientierung geben die biblischen Bilder von der Kirche: Schafstall und Herde Christi, Gottes Pflanzung und Ackerfeld, Weinberg des Herrn, Gottes Haus, Tempel und Bauwerk. Die Kirche ist unsere Mutter, die Braut Christi (vgl. LG 6)" (329).
Theologisch lässt sich natürlich behaupten, die Kirche habe nichts mit weltlichen Formen der Machtausübung zu tun. Das wird die Soziologie und die Rechtswissenschaft nicht davon abhalten, die Verteilung und Handhabung der Macht in der Kirche aus ihrer Perspektive zu betrachten. Im Falle des regierenden Papstes wäre wohl festzustellen, dass er sich den Möglichkeiten seines Jurisdiktionsprimats sehr bewusst ist und gezielt von ihnen Gebrauch macht.

Am Donnerstag stellt Kardinal Kurt Koch hier in Rom das neue Buch von Kardinal Müller vor.