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Mittwoch, 11. April 2018

Nachdenken über Führungspersönlichkeiten mit überraschendem Ausgang

Mose und Heiner Wilmer
Es ist ein Buch über eine Führungspersönlichkeit. Kein Manager-Ratgeber, sondern ein religiöses Buch. Es geht um Mose, wenn man so will die "Führungfigur" im alten Testament. Geschrieben hat der Werk mit dem Titel "Hunger nach Freiheit. Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen" Pater Heiner Wilmer, der bislang als Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom gearbeitet hat. So war die Idee entstanden, das Mose-Buch vor der berühmten Mose-Statue von Michelangelo in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli zu präsentieren. Die Veranstaltung am Montag der Karwoche war sehr gut besucht. Was keiner der Teilnehmer ahnen konnte: Ein paar Tage nach Ostern ernannte ihn Papst Franziskus zum Bischof von Hildesheim. Nun kann er zeigen, was er von Mose in Sachen "Das Volk Gottes führen" gelernt hat. Bei der Buchvorstellung in Rom sagte Wilmer:
"Eine Führungspersönlichkeit ist jemand, der Menschen befähigt, etwas zu tun, das sie nie tun würden, wenn man es ihnen befiehlt."
Annette Schavan und Mose
Vorgestellt wurde das Buch von Annette Schavan, die (noch) als Botschafterin der Bundesrepublik beim Heiligen Stuhl in Rom tätig ist. Sie hatte San Pietro in Vincoli schon mehrfach als ihren Lieblingsort in Rom bezeichnet. 2016 erzählte sie meiner Kollegin Claudia Keller, die damals noch beim Tagesspiegel war:
"Da sitzt der weise Führer, der sein Volk durch die Wüste bringt – und muss mit ansehen, wie dieses Volk ums goldene Kalb tanzt. Man sieht ihm das Entsetzen an, doch er bleibt äußerlich ganz ruhig." 
Eine Choralschola des Pontificio Istituto di Musica Sacra sang dazu zwei gregorianische Gesänge: Das Canticum "Cantemus Domino" aus Exodus 15, das in der Osternacht gesungen wird, und das Offertorium "Precatus est Moyses" aus Exodus 32. In "Precatus est Moyses" heißt es:
"Mose betete vor dem Angesicht des Herrn, seines Gottes, und sprach: Warum, Herr, zürnst du gegen dein Volk? Mäßige den Zorn deines Herzens."

Und in "Cantemus Domino" hören wir Mose nach dem Durchzug durch das Rote Meer singen:
"Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer."
Lernen von Chorälen
Man könnte also sagen: Eine Führungspersönlichkeit, zumal ein Bischof, die sich an Mose orientiert, vertraut nicht auf ihre eigenen Kräfte. Es ist der Herr, der das Volk aus Ägypten und das Rote Meer geführt hat. Dafür singt Mose ihm Lob. Und er betet für das Volk. In diesem Sinne, lieber Pater Wilmer: Guten Start als Bischof in Hildesheim!



Samstag, 1. April 2017

Die Bilder der Päpste

Herder bei der Tagung "Die Macht der Päpste".
Rechts oben grüßt Papst Benedikt XVI. (Foto: S. Heid)
Noch nie hatten die Päpste eine solch hohe Sichtbarkeit wie in der modernen Mediengesellschaft. Vor dem Zeitalter der Massenmedien wusste wohl kaum ein Katholik, wie sein Kirchenoberhaupt aussah. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert mit der Entstehung der Fotografie und ihrer leichten technischen Reproduzierbarkeit. Heute kann jeder Bilder mit dem Smartphone aufnehmen und in den sozialen Netzwerken teilen, was die die Sichtbarkeit des Papstes noch einmal potenziert hat. Das treibt gelegentlich kuriose Blüten. Der Vatikan-Experte Ulrich Nersinger hat soeben auf ein besonders bizarres Beispiel hingewiesen.
Nersinger war auch Referent bei einer Tagung, die das Römische Institut der Görres-Gesellschaft letzte Woche zusammen mit dem Centrum für Religion und Moderne der Universität Münster organisiert hat: "Der politische Aufstieg des Papsttums: Mobilisierung, Medien und die Macht der mordernen Päpste". Nersinger wies bei der Tagung auf die bemerkenswerte Tatsache hin, dass Papst Pius IX. im Kirchenstaat ein Eisenbahnnetz "aus pastoralen Gründen" anlegen ließ: Er wollte damit die Romwallfahrt fördern. Für die Katholische Nachrichtenagentur habe ich einen kleinen Bericht über die Tagung geschrieben. 
Benjamin Leven und Botschafterin Schavan (Foto: S. Heid)
Dass der politische Aufstieg des Papsttums noch lange nicht an sein Ende gekommen ist, zeigte auch der zeitgleich stattfindende Besuch von 27 europäischen Staats- und Regierungschefs, die sich anlässlich des 60. Jubiläums der Römischen Verträge versammelt hatten, bei Papst Franziskus im Apostolischen Palast. Angesicht der Anfechtungen des europäischen Projekts wollte man nicht auf die Rückendeckung des Pontifex verzichten. Das "symbolische Kapital" des Papsttums ist noch nicht aufgebraucht.
Zu Beginn sprach Botschafterin Annette Schavan über die Reden von Päpsten vor Parlamenten und Versammlungen - angefangen von der Rede Pauls VI. vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen über Benedikts XVI. Rede vor dem Deutschen Bundestag bis hin zur Rede des aktuellen Papstes vor dem Europäischen Parlament. Der Verlag Herder war bei der Tagung auch mit einem Büchertisch der Herder Bücherstube Rom vertreten.

Freitag, 24. März 2017

Religion und Menschenrechte

Botschafterin Annette Schavan
Hier in Rom ist gerade Tagungssaison. So treffen sich Deutschen Historischen Institut derzeit deutschsprachige Theologen und Historiker, um über "Menschenrechte in der katholischen Kirche" zu diskutieren.
Annette Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, hatte gestern im Rahmen dieser Tagung zu einem Abendvortrag in ihre Residenz eingeladen. Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik in Erlangen und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, widmete sich aber nicht der Frage, wie der Menschenrechtsgedanke in der katholischen Kirche rezipiert worden ist, sondern sprach über das grundsätzliche Verhältnis von Religionsgemeinschaften und Menschenrechten.
Bielefeldt machte dabei drei typische Konfigurationen aus: Postulierte Harmonie, kulturkämpferische Polarisierung und selektive Akzeptanzen. Diese jeweiligen Haltungen existierten jeweils auf beiden Seiten: Bei den Religionsgemeinschaften wie in der human rights community.

Prof. Dr. Heiner Bielefeldt
Postulierte Harmonie: Sowohl aufseiten der Religionsvertreter als auch aufseiten der Menschenrechtler werde gelegentlich behauptet, dass Religionen und Menschenrechte im Grunde das Gleiche meinen und im Wesentlichen übereinstimmen. Die Vertreter einer solchen Position, so meinte Bielefeldt, machten sich nicht die Mühe, die nötigen "hermeneutischen Leistungen" zu erbringen.
Kulturkämpferische Polarisierung: Genauso gebe es aber auch Positionen auf beiden Seiten, die eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen Religionen und Menschenrechten behaupteten: So seien etwa Anhänger eines säkularistischen Humanismus der Überzeugung, dass Menschenrechte am Ende nur ohne Religionen zu haben sind.
Selektive Akzeptanzen: Manche Vertreter schließlich seien jeweils nur bereit, gewisse Aspekte der anderen Seite zu akzeptieren. So würden einige Menschenrechtsaktivisten die Religionen selektiv auslegen und sich etwa Passagen aus heiligen Schriften heraussuchen, die das eigene Anliegen unterstützen (etwa die berühmte Koranpassage "Es ist kein Zwang in der Religion"). Ebenso existierten Religionsvertreter, die für sie problematische Aspekte der Menschenrechte einfach ausblendeten.
Wie schwer beides im konkreten Fall in Übereinstimmung zu bringen ist, und wie komplex die dafür notwendigen "hermeneutischen Leistungen" sein können, klang in dem Vortrag nur kurz an. Ein Blick auf das weitere Programm der Tagung zeigt, dass sich die katholischen Theologen noch mit "Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung" beschäftigen wollen. Bei den entsprechenden hermeneutischen Bemühungen kann man nur viel Erfolg wünschen...