Montag, 20. August 2018

Zeitgeist von Gestern

Demnächst mit Kittelschürze?
Maria braucht ein neues Kleid. Anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums der Aufnahme des Aachener Doms in die Welterbeliste der UNESCO hat das Domkapitel einen Künstlerwettbewerb ausgelobt. Wie viele Gnadenbilder, so wird auch die Aachener Madonna im Laufe des Jahres rund sechszehn mal umgezogen: Sie erhält jeweils zu Festen und Kirchenjahr passende Gewänder. Das Bekleiden von Bildern ist in Europa seit dem Hochmittelalter üblich. 43 Kleider, dazu Ketten, Kronen und Broschen hat man in Aachen im Fundus. Die älteste Textilie in Aachen stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch nun soll etwas Neues her. In der Wettbewerbsausschreibung heißt es: „Anders als bei den bisherigen Gewändern soll es sich nicht um ein Festtagsgewand handeln. Maria als Frau aus dem Volk ist für viele Gläubige Identifikationsfigur und Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen. Sie soll aus ihrer herrscherlichen Sphäre, in die sie mit ihren kostbaren Gewändern, Kronen, Zeptern und Schmuckstücken gehoben ist, herausgenommen und als Mensch und Gegenüber gezeigt werden.“
Vor allem durch eine eher locker-banale Fernsehberichterstattung des Westdeutschen Rundfunks aufgeschreckt, begannen einige Herrschaften aus Aachen, Unterschriften gegen die Ausschreibung zu sammeln. Sie fürchten, dass die im Dom verehrte „Kaiserin von Aachen“ durch das Vorhaben „herabgesetzt, verballhornt, sexualisiert und verunglimpft“ werden könnte. Doch dass Maria zukünfig mit bauchfreiem Oberteil oder in Badekleidung zu sehen sein könnte, wie der WDR-Beitrag nahelegt und die Unterschriftensammler befürchten, lässt sich ausschließen. Denn die 1656 geschnitzte spätgotische Marienfigur besitzt ein bodenlanges Gewand mit schwungvollem Faltenwurf. In Südeuropa befindet sich unter den bekleideten Heiligenfiguren oft nur ein Gestell aus Holz oder Metall. Die Figur hat keinen Körper. Eine Enthüllung würde nur die dahinter befindliche Leere offenbaren. In Aachen käme unter dem Gewand ein neues Gewand zum Vorschein.
Das Problem bei der Aachener Ausschreibung ist ein anderes. Mit der Formulierung „Frau aus dem Volk“ offenbaren die Verantwortlichen etwas von ihrem geistigen Hintergrund. Für das Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ dichtete Friedrich Dörr 1972 ein barockes Marienlied um: „Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn“. Als dritte Strophe seiner Neufassung reimte Dörr damals: „Du Frau aus dem Volke, von Gott ausersehn, dem Heiland auf Erden zur Seite zu stehn, kennst Arbeit und Sorge ums tägliche Brot, die Mühsal des Lebens in Armut und Not.“ Aus der innig geliebten himmlischen Jungfrau des Barockliedes wurde Maria, die Hausfrau, die sich die Hände an der Kittelschürze abwischt und dem Heiland rasch noch ein Butterbrot für die Arbeit schmiert. Das war schon Anfang der Siebzigerjahre altmodisch. Und nun, fast fünfzig Jahre später, soll Maria wieder einmal vom Sockel gehoben werden, damit man sie endlich als „Mensch und Gegenüber“ wahrnehmen kann. Ein „modernes Gewand für den Alltag“ soll es laut der Ausschreibung sein. Nichts deutet darauf hin, dass die Domherren hier etwas im Sinn hatten, das sexy ist (auch wenn sexyness heute ziemlich alltäglich ist). Aber woher weiß man eigentlich, dass diejenigen, die im goldenen Halbdunkel des Doms ihr Kerzchen anzünden, die Muttergottes lieber „alltäglich“ sehen wollen? Maria – eine von uns? Warum sollte man vor einer von uns Kerzen anzünden? Außerdem sind Schmuck und kostbare Gewänder gerade ziemlich modern. Der kirchliche Prunk vergangener Jahrhunderte inspiriert Modedesigner zu irren Kreationen, wie sie dieses Jahr etwa bei der „Met Gala“ im New Yorker Museum of Art zu sehen waren. Popstar Rihanna trug ein über und über mit Edelsteinen besetzes Outfit, entworfen von John Galliano, das an die Gewänder eines Papstes erinnerte – inklusive Mitra.
Kleidung ist Kommunikation. Vor dem Hintergrund der Feudalgesellschaft weist die prächtige Tracht der Aachener Madonna sie als Herrscherin aus. Wie ein Blick in die „Gala“ oder die „Bunte“ beweist, verstehen aber auch Bürger liberaler Demokratien diese Symbolik. Die Gewänder sind darüber hinaus an die Farben des liturgischen Jahres und seiner Feste angelehnt und gemahnen damit auch an sakrale Kleidung und ihre reichhaltige Symbolik. Und schließlich symbolisieren die Gewänder Mariens auch das "Gnadenkleid" derjenigen, die "voll der Gnaden" ist (mehr dazu in der nächsten Herder Korrespondenz). Maria in Alltagskleidung: Das ist Zeitgeist von Gestern.

Mittwoch, 27. Juni 2018

"F"

Gestern hat der Präfekt der Glaubenskongregation mit der Presse gesprochen, soweit ich sehe, das erste Mal überhaupt, seit er im Amt ist. Darin sagte er über die von den deutschen Bischöfen geplante Handreichung über "Konfessionsverbindende Ehen und gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie" und seinen von Papst Franziskus ("F") abgezeichneten Brief in dieser Angelegenheit, der vor einiger Zeit an die Öffentlichkeit gelangt ist: "Wenn jemand hier seinen eigenen Weg geht, riskieren wir, etwas Verwirrung zu schaffen." Es gelte darum, eine Lösung für die ganze Kirche zu finden. Ergo: Die Sache soll in Rom entschieden werden.
Heute veröffentlicht die Deutsche Bischofskonferenz eine "Note von Kardinal Reinhard Marx an den Heiligen Vater vom 12. Juni 2018", die ebenfalls von Papst Franziskus abgezeichnet wurde ("F"). Darin lässt sich Marx vom Papst bestätigen, dass der Ladaria-Brief "einige Hinweise und einen Interpretationsrahmen" vorgebe, aber "keine Anweisungen für das Handeln der Bischofskonferenz" beinhalte. Ladaria hatte unter anderem geschriebenen, die Handreichung sei "nicht reif" für eine Veröffentlichung. In der Note von Kardinal Marx heißt es nun, der Text könne "eine Orientierungshilfe und ein Studientext sein für die Bischöfe, die in ihren Diözesen Kriterien im Sinne des can 844 CIC erarbeiten" und dürfe darum auch "bekannt gemacht" werden.
Der Vorgang stellt einen Gesichtsverlust des Präfekten der Glaubenskongregation dar.

PS: Was bedeutet das "technisch"? Die Handreichung ist nun veröffentlicht worden, hat aber keine Verbindlichkeit. Die einzelnen Diözesanbischöfe können, so wie es das Kirchenrecht vorsieht, Partikularnormen zu can. 844 § 4 CIC erarbeiten (d.h. sie können festlegen, was in ihrer Diözese eine "schwere Notlage" ist, unter deren Bedingung ein Kommunionempfang von Nichtkatholiken möglich ist) und, wenn sie wollen, dafür die Handreichung als "Orientierungshilfe" benutzt. Diese Partikularnormen bedürfen laut can. 455 § 2 allerdings wiederum einer Rekognoszierung des Apostolischen Stuhls. Wie und nach welchen Kriterien wird dann in Rom entschieden werden?

"Wer möchte schon den traurigen Clown in der öffentlichen Meinung spielen?"

"Ich sehe es also durchaus nicht als Zeitverlust und Zumutung an, mich den Fragen und Zweifeln nach dem Sinn Deines Priestertums zu stellen in einer Welt, in der nicht wenige so leben 'als ob es Gott nicht gäbe'. Diese Leute halten uns für tragikomische Figuren, von denen man nicht weiß, ob man mehr über sie lachen oder weinen soll. Und es ist nicht angenehm, von verstohlenen und grinsenden Blicken als ein Mann aus einer vergangenen Welt gemustert zu werden. Wer möchte schon den traurigen Clown in der öffentlichen Meinung spielen?"
Kardinal Gerhard Ludwig Müller
Das schreibt Kardinal Müller in seinem Buch "Ihr sollte ein Segen sein. 12 Briefe über das Priestertum", das Mitte Juli bei Herder erscheint, aber schon gestern Abend in Rom, in der Bibliothek des Päpstlichen Institutes Santa Maria dell'Anima, vorgestellt wurde. Die Präsentation übernahmen Christian Schaller vom Regensburger Institut Papst Benedikt XVI., der Müllers theologischer Referent in dessen Zeit als Bischof von Regensburg war, sowie Karl-Heinz Menke, emeritierter Dogmatikprofessor aus Bonn und Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission. Die Kommission hatte am Tag zuvor die Arbeiten an der Studie über das Frauendiakonat fertiggestellt, die nun dem Papst vorgelegt wird - veröffentlicht werden soll das Papier nicht. Doch Debatten wie die um die Zulassung von Frauen zum Weihesakrament oder das Zölibat spielten gestern keine Rolle. Müllers Buch ist keine theologische Auseinandersetzung mit aktuell strittigen Fragen, sondern will eine "Ermutigung" sein:
"In dieser Stunde der Welt- und Kirchengeschichte suchen die meisten Priester aber nicht zuerst eine theologische Belehrung über Ursprung und Wesen, Aufgaben und Funktionen des Priestertums. Was sie schmerzlich vermissen, ist eine geistliche Ermutigung inmitten aller Belastungen der alltäglichen Hirtensorge in unüberschaubaren Seelsorgeräumen und noch mehr der globalen Bestreitung der Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen und ihrer zu seinem Heil zu bedürfen."
Christian Schaller und Karl-Heinz Menke
Das Buch ist in Form von Briefen verfasst, der Leser wird mit "Du" angesprochen, und oft scheinen mit diesem "Du" vor allem die Priester selbst gemeint zu sein. Ausdrücklich richten sich die Briefe aber auch an alle "Mitchristen".
Es handelt sich, wie gesagt, um ein geistliches Buch, keine theologische Abhandlung. Der zwölfte Brief beinhaltet jedoch eine nachdrückliche Empfehlung an die Priester, sich theologisch weiterzubilden:
"Ein eifriger Priester ist bemüht, seinen Wissenstand und Problemhorizont auf dem Laufenden zu halten. (…) Ohne eine profunde Theologie kann ein Priester heute seine Aufgaben nicht erfüllen."
In diesem Sinne, liebe Geistliche: Werfen Sie doch mal einen Blick in das Verlagsprogramm Religion und Theologie...


Dienstag, 8. Mai 2018

Warum Papst Franziskus Rihanna und Kardinal Burke braucht

Rihanna als Papst
30.000 Dollar kostet eine Eintrittskarte. Eine Tischreservierung ist für 275.000 Dollar zu haben. Die jährliche "Met Gala" ist eine Fundraising-Veranstaltung für das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York. Die Gala eröffnet jeweils eine Modeausstellung des Museums. Thema in diesen Jahr: "Himmlische Körper. Mode und die katholische Vorstellungskraft". Die prominenten Gäste der Gala interpretieren mit ihrem Look gern das jeweilige Motto. So auch in diesem Jahr. Rihanna trug Mitra, Katy Perry hatte Engelsflügel umgeschnallt und die Sängerin Zendaya erschien, inspiriert von Jeanne d'Arc, in Rüstung und Kettenhemd.
Die Ausstellung kam unter offizieller Beteiligung des Vatikans zustande. Fünfzig Stücke aus der päpstlichen Sakristei sind im Rahmen der New Yorker Schau zu sehen. Dahinter steckt Kardinal Gianfranco Ravasi, der Chef des Päpstlichen Kulturrats. Im Interview mit der italienischen Vogue erklärt er:
"Das liturgische Gewand ist so reich und prächtig, weil es die transzendente Dimension des religiösen Geheimnisses repräsentiert, und bestrebt ist, dasjenige, was göttlich ist, mit Herrlichem und Wunderbaren zu schmücken." Mode, so der Kardinal, sei "eine Form der Kommunikation, die in der zeitgenössischen Kultur sehr relevant ist." Und er fuhr fort: "Wie in den kirchlichen Paramenten die Sakralität der liturgischen Funktion zum Vorschein kommt, so erscheint in den Luxuskleidern der Haute Couture eine symbolische Funktion, die über die reine Funktion, sich zu bedecken, hinausgeht".
Katy Perry als Engel
In der Tat. Die katholische Tradition hat die komplexe symbolische Funktion von Kleidung stets zu nutzen gewusst. Im Gesamtkunstwerk Liturgie spielten Kleidungsstücke immer eine große Rolle: Sie bildeten einen eigenen semiotischen "Code", eine textile Zeichensprache, die mit den anderen Ausdrucksebenen des Gottesdienstes – Gesten und Bewegungen, Klänge, Gerüche bis hin zu Blumen – zusammenwirkte.
Doch seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist es im Katholizismus etwas verpönt, allzu viel Aufmerksamkeit auf Kleidung und überhaupt auf "Äußerlichkeiten", auf cultus et decor, zu verschwenden. Die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" gab 1963 die Parole von der "edlen Einfachheit" aus. Adolf Loos, der Prophet der architektonischen Moderne, hatte bereits 1908 in seinem Essay "Ornament und Verbrechen" geschrieben: "Der moderne Mensch, der Mensch mit den modernen Nerven, braucht das Ornament nicht, er verabscheut es". Schmuck war etwas für tätowierte Häftlinge und degenerierte Aristokraten.
Das ist hundert Jahre her und entspricht nicht mehr ganz dem Zeitgeist. Wie in der Mode kennt auch die Kirche Revivals. So kam es unter Papst Benedikt XVI. zu einem Wiederaufleben älterer Gewänder und Insignien. So manch abgeschnittener Zopf war plötzlich wieder da. Das war sicher auch Ausdruck einer neuen Suche nach Identität: Nach dem "Aggiornamento" der Sechziger ging es im neuen Millenium um das Wiederanknüpfen an Traditionen.
Beobachter fielen etwa die roten Schuhe auf, die der Papst trug, und die an die „Kreuzigung und das Blut Christi“ erinnern sollten, wie der päpstliche Schuhmacher damals in einem Interview erläuterte.
Papst Franziskus konnte mit diesen Revival offenkundig nichts anfangen, und so sind mit ihm wieder nüchternere Zeiten angebrochen. Er trägt immer wieder die selbe Mitra mit den braune Streifen, die er schon in Buenos Aires regelmäßig aufhatte. Pracht und Luxus ist ihm zuwider. Das Einzige, was er zur Schau stellt, ist seine Bescheidenheit und Demut. "Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen," gab kürzlich ein Schneider auf katholisch.de zu Protokoll.
Raymond Burke als Kardinal
Diejenigen, die gegen das päpstliche Vorbild an einer gewissen Opulenz festhalten, gelten unter vielen Kirchenleuten als Witzfiguren, ja, als klerikale Transvestiten. Die meterlange Seidenschleppe, mit der Kardinal Raymond Burke gelegentlich zu sehen ist, hat ihm natürlich viel Spott eingebracht, obwohl er bei der Met Gala damit wohl genau richtig gewesen wäre.
Der Spott über die Tracht der Kleriker ist ein antiklerikaler Topos aus dem 19. Jahrhundert. Die Priester mit ihren langen Gewändern, galten schon damals als weibisch, hysterisch, unmännlich – und damit als perfekte Exempel der irrationalen, ja perversen Natur des Katholizismus. Irgendwann hat man sich in der katholischen Kirche diese Kritik zueigen gemacht.
Das heißt nun aber nicht, dass der Verzicht auf Pracht auch einen Verzicht auf textile Kommunikation bedeutet. Die Eintönigkeit der päpstlichen Gewänder, die orthopädischen Schuhe, die Franziskus trägt, ja sogar sein Brillengestell werden in Zeiten der medialen Omnipräsenz des Papstes natürlich auch zu kommunikativen Mitteln. Der Papst macht so deutlich, dass Gott für ihn weniger in der Schönheit und Herrlichkeit zu finden ist, sondern eher in der Armut, in der Schwäche, in der Einfachheit. "Man kann nicht nicht kommunizieren", lehrt uns Paul Watzlawick.
Diese Zeichensprache lebt allerdings vom Kontrast. Insofern ist der Pomp von Kardinal Burke und die Outfits den Stars bei der Met-Gala mit ihren überdeutlichen, teilweise bizarren sakralen Anleihen, sogar notwendig: Als Kontrastfolie für die ostentative Demut des Papstes.

Donnerstag, 26. April 2018

Gegen eine Instrumentalisierung des Sonntags!

"Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", heißt es in der Verfassung. Als Christ bin ich gegen diese Vereinnahmung des Sonntags durch den Staat. Denn für Christen bedeutet der Sonntag doch eigentlich etwas ganz anderes und viel mehr: Er ist der Tag, an dem wir Tod und Auferstehung Christi feiern. Ich möchte nicht, dass der heilige Tag der Christen auf geradezu blasphemische Weise für irgendwelche Erholungszwecke und eine unspezifische "geistige Erhebung" instrumentalisiert wird, die zudem diejenigen ausgrenzt, die sich an einem anderen Tag erholen wollen.

Mittwoch, 25. April 2018

Kirchenleute gegen Kreuze

In hoc signo vinces.
Das ist schon kurios. Die bayrisches Staatsregierung unter Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beschließt, dass hinfort in allen Dienststellen des Freistaats Bayern Kreuze aufgehängt werden sollen, und Kritik kommt von... Kirchenvertretern. Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose schreibt in einem "offenen Brief" auf Facebook:
"Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden. In unserer Wahrnehmung wird das Christentum zunehmend von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben. Über diese Entwicklung bin ich gemeinsam mit vielen anderen sehr besorgt. Ich bitte Sie eindringlich: Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam."
 Der Bochumer Theologieprofessor Georg Essen ließ über Twitter wissen:
"Ich sage das jetzt mal als gläubiger Katholik und Theologe mit Kreuz im Arbeitszimmer: Für mich ist diese politische Instrumentalisierung durch Söder Blasphemie, theologisch eine Häresie und verfassungsrechtlich nur schwer erträglich."
Und der katholische Autor Andreas Püttmann teilte über den Kurznachrichtendienst mit:
"Ich freue mich über jedes Kreuz im öffentlichen Raum, als Botschaft selbstloser Liebe, höherer Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindender Hoffnung, als Vermächtnis von Generationen. Als trotzig installierter Identitätsmarker, Kampfansage und Wahlkampfgag verliert es all das."
Laut der Staatsregierung ist das Kreuz "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland". Söder bezeichnete es als "grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung". Es verstoße darum nicht gegen das Neutralitätsgebot.
Aufgrund dieser Aussagen heißt es nun, der Ministerpräsident instrumentalisiere das Kreuz, er missbrauche es gar als Signal von "Ausgrenzung". Das kann man ja so sehen. Aber trotzdem ist es doch merkwürdig, wenn Kirchenleute jetzt gegen mehr Kreuze in der Öffentlichkeit kämpfen.
Das Problem ist, dass die Kritiker selbst Gefahr laufen, das Kreuz politisch zu instrumentalisieren. Denn implizit sprechen sie den Politikern der CSU das Christsein ab. Der Subtext lautet: "Söder und die CSU stehen nicht für das, was wir unter Christentum verstehen, deswegen sind sie unglaubwürdig und haben kein Recht, sich auf das Kreuz zu beziehen. Das darf nur, wer unseren politischen Standpunkt vertritt." Pfarrer Hose ist übrigens Mitglied bei den Grünen.
Selbst, wenn man der begründeten Meinung ist, die CSU interpretiere das "C" irgendwie falsch, und man sich für eine andere Deutung des Christlichen stark macht, sollte man doch anerkennen, dass es nicht trivial ist, Christentum in Politik zu übersetzen und dass man da zu unterschiedlichen Schlüssen kommen kann.
Selbstverständlich ist das Kreuz für Christen viel mehr, als der Ausdruck einer kulturellen Identität und Bekenntnis zu Grundwerten. Es ist dies aber auch. Auch wer kein Christ ist, kann darin das Signal sehen, dass der Staat sich selbst nicht absolut setzt, indem er anerkennt, dass es über ihm Höheres und Unverfügbares gibt. Und er kann in ihm eine Information darüber erkennen, wovon Kultur, Gesellschaft und Staat hierzulande geprägt sind.
Kann man als Kirchenmensch wirklich gegen das Aufhängen von Kreuzen sein, nur weil die Initiative dafür von Markus Söder kommt? Was meinen Sie?

Freitag, 13. April 2018

Liturgie, Nächstenliebe und dieses verrückte Internet

Damit muss man zurechtkommen. Ich habe vor zwei Tagen zum ersten Mal einen "Standpunkt" auf katholisch.de geschrieben. Kurzfristig sollte ich für einen Kollegen einspringen, hatte einen Nachmittag Zeit und den Auftrag, zum gerade erschienen Papst-Schreiben "Gaudete et exsultate" über Heiligkeit einen Kommentar von 2.000 Zeichen zu tippen. Normalerweise arbeite ich für eine Monatszeitschrift, da hat man 10.000 Zeichen und mehr und kann zur Not wochenlang darüber nachdenken, was man schreiben will. Wieder Wochen später hört man dann vielleicht von jemandem, der das "ganz interessant" gefunden hat.
Anders bei einem Internetportal mit Hunderttausenden Visits im Monat. Morgens um Sieben ist die erste Nachricht auf meinem Mobiltelefon (lobend!), kurze Zeit später höre ich von Leuten, die sich wegen meines Standpunkts Sorgen um mich machen. Über Facebook kommen Hinweise auf Auslassungen und Interpretationsfehler, man moniert mangelnden Respekt gegenüber den Worten des Heiligen Vaters, zwischendurch erreichen mich auch immer wieder Nachrichten der Zustimmung und des Dankes. Auf der Facebook-Seite von katholisch.de schreibt jemand, dass Menschen wie ich die Leute von der Kirche wegtreiben. Meine Güte. Ich frage mich, ob die Kollegen von katholisch.de sich das alles durchlesen.
In dem Text hatte ich geschrieben, dass mir im Dokument des Papstes die Liturgie zu kurz kommt. Denn für das Zweite Vatikanische Konzil spielt der Gottesdienst die entscheidende Rolle für die Heiligung des Menschen (Sacrosanctum Concilium) bzw. die Berufung aller Christen zur Heiligkeit (Lumen Gentium).
"Gaudete et exsultate" betont dagegen stark die Bedeutung der aktiven Nächstenliebe. Dabei hängen Gottesdienst (Liturgia) und Dienst am Nächsten (Diakonia) eng miteinander zusammen. Irgendwie schien mir dieser Zusammenhang in dem Papier nicht wirklich klar zu werden. Statt dessen warnt der Papst in seiner langen Liste von Verurteilungen vor den selbstgerechten "Neopelagianern", die mit ihrer ostentativen Liturgiepflege auf dem Holzweg sind. Das fand ich nicht fair, weil ich meine, dass viel zu viele Gottesdienste einfach nur lieblos und wurschtig gefeiert werden und ein bisschen mehr Sorge um die Liturgie durchaus angemessen wäre.
Dass das Stichwort "Liturgie" nur in dieser Passage des Dokumentes vorkommt, finde ich schon bezeichnend. Das Thema freilich ist durchaus an verschiedenen Stellen präsent - aber meines Erachtens eben nicht den entscheidenden. Ein Beispiel: Die Feier der Messe wird in dem Schreiben in der Tat erwähnt, nämlich dort, wo es um den geistigen Kampf gegen den Satan geht. "Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf" heißt es da - und zwar gegen den Teufel, der uns davon abhalten will, heilig zu werden. Den Teufel darf man sich laut Franziskus nicht allzu symbolisch vorstellen. Es handelt sich vielmehr um ein "personales Wesen", "das uns bedrängt". In diesem Kampf gibt es für Franziskus verschiedene Waffen - und zu diesen Waffen gehört auch die Eucharistie:
"Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz."
Es mag ja sein, dass man die Liturgie auch als Waffe gegen den Teufel verstehen kann, aber sie ist ja doch vor allem und zuerst "Quelle und Höhepunkt" des ganzen kirchlichen Lebens, wie das Konzil lehrt.
Ist es in Ordnung, diese Beobachtungen zur Diskussion zu stellen? Es ist ja bemerkenswert, dass es überhaupt noch Leute gibt, die von Lehrschreiben des Papstes zu Debatten und Reflexionen angeregt werden. Die Frage ist, ob die Kommentarfunktion auf Websites und sozialen Netzwerken der einzige Ort sein sollten, an dem kirchliche und gesellschaftliche Diskussionen geführt werden. Ich finde nicht, denn vieles bleibt hier oberflächlich, auch aggressiv und polarisierend. Deswegen ist es ganz gut, dass es auch Monatszeitschriften gibt, die mehr Platz und mehr Zeit für Reflexionen bieten.
PS: Das findet der Papst übrigens auch. In Nr. 115 von "Gaudete et exsultate" schreibt er:
"Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren."